07.12.04

Kotze Karl

In W. gibt es eine Imbissbude, die gehört einem gewissen Karl Kotzlowski. Karl Kotzlowski wird von seinen Gästen liebevoll "Kotze Karl" genannt. Ich selbst war noch nie dort, so weit geht mein Wille zur Grenzerfahrung nicht, aber ich stelle mir gerne vor, wie Kotze Karl hinter der Theke steht, die fettigen Haare fechten einen schweren Kampf mit seiner schmierigen Schürze, und er teilt Pommes rot-weiß an die Gäste aus.

Kotze Karl sind die Bestellungen seiner Gäste weitgehend egal. Er schaut das Publikum mit einer Mischung aus Routine und tiefer Zen-Meditation an, quittiert die von der anderen Seite des Tresens herüberfliegenden Worte mit dem immergleichen Nicken, seine Pranken brettern über den Block und meißeln seltsame Gebilde in das unschuldige Papier und dann dreht er sich endlich, endlich um und schaut mit tiefer Gelassenheit ins Frittierfett, als wäre darin die Formel für den Weltfrieden verborgen.

Was Kotze Karl eben von seinen Gästen vernommen, abgenickt und in Geheimschrift in seinen Block eingraviert hat, hat nicht im Geringsten mit dem fettgebackenen Klumpen zu tun, den er später über den Tresen reicht. Kotze Karl gibt aus, was ihm gerade gefällt, zur Aura des Gastes passt oder sonst irgendwie dringend weg muss. Was seine Gäste heimlich unter den Tisch fallen lassen, entsorgen nachts die Kerbtiere. Kotze Karl verabscheut alles, was nicht schon fertig gewürzt und von übernatürlicher Farbigkeit aus Dosen, Tuben und Flaschen geschüttet oder gedrückt werden kann. Bei Kotze Karl geht es nicht um Schönheit. Soviel ist mal sicher.

Ein bisschen kommen die Leute auch deshalb regelmäßig zu Kotze Karl, weil sie Angst vor ihm haben. Kotze Karl hat nämlich ein fabelhaftes Gedächtnis dafür, wer wann zuletzt bei ihm war. Ist das länger als eine Woche her, nimmt er's persönlich. Wenn man also zur Post schlendert oder zum Supermarkt, kann es durchaus vorkommen, dass Kotze Karl aus seinem Imbiss herausrauscht, sich vor einem aufbaut, einen durchdringend anschaut und fragt "Warste krank, Alter?" Jetzt bloß nicht antworten: "Nöh, du. Ich mache gerade eine Vollwert-Diät. Und was soll ich dir sagen - ich fühl mich viel besser." Natürlich war man krank. Am besten täuscht man gleich was Schwerwiegendes vor, die Krankheit vom Großvater vielleicht, darüber weiß man seit der letzten Geburtstagsfeier wieder bestens Bescheid. Dann lässt man sich von Kotze Karl auf die Schulter klopfen, man wäre ja tatsächlich ein bisschen blass um die Nase, gute Besserung und bis bald. Jetzt kann man aufatmen, er hat anscheinend nichts gemerkt, und nächsten Samstag kann man ja mal hingehen und ein Schaschlik bestellen. Zum Mitnehmen.

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1 Kommentar:

Oles wirre Welt hat gesagt…

Es wird spannend. Ich gratuliere uns beiden zur gemeinsamen Nominierung unter die zehn kulinarischen Auswahlbeiträge... :)