24.03.05

Menschen, die ich pauschal verurteile, heute: Hesse-Leser

In meinem Lieblingscafé gibt es viele Sachen, die mir gut gefallen: Der Stuck an der Decke, den fleißige Raucher nikotingelb gefärbt haben. Die Sofas in den Ecken. Der Kefir auf der Getränkekarte. Ich, wenn ich auf dem Sofa sitze, über den Bücherrand hinweg die anderen Gäste ankniffele und noch einen Kefir bestelle.

Er sitzt an der Theke, schwer über sein Pils gebeugt. Drittes Glas in zwanzig Minuten. Neben dem Pils ein Alibibuch, zugeklappt.

Er arbeitet irgendwo als Sachbearbeiter. Kleine Nummer, mittelmäßiges Gehalt, eine herbe Enttäuschung nach seiner erstklassigen Ausbildung. Die Arbeitsmarktlage war damals schon mies, da musste man eben Kompromisse eingehen. Und in diesen Zeiten zu wechseln - nein, das wagt er nicht. Und schließlich wären die ohne ihn ja aufgeschmissen, wären die. Aber das merken sie nicht, weil er immer da ist. Morgens der Erste, abends der Letzte. Nicht auszudenken, wie es der Firma ohne seinen beispielhaften Einsatz gehen würde. Freitags nimmt er immer ein paar Akten mit nach Hause. Wieso die Kollegen ihn nie fragen, ob er mit in die Kantine kommt, kann er sich nicht erklären.

Er beklagt sich nicht. Hat er nie gemacht. Ja, gut, das Gehalt könnte besser sein. Hätte er verdient. Schneider, der Arsch, hat letztes Jahr eine Gehaltserhöhung bekommen. Schneider nimmt sich nie Akten mit nach Hause. Lässt sich am Wochenende lieber von seiner Frau das Hirn rausblasen. Klappt ja auch prima.

Mit ihm und den Frauen läuft es nicht so toll. Auch so ein Mysterium. Dabei finden potenzielle Schwiegermütter ihn immer hinreißend. Die schönen Frauen hat er schon vor einer ganzen Weile abgehakt, aber auch die hässlichen sind nicht so dankbar, wie er sich das vorgestellt hatte.

Fünftes Pils inzwischen. Eine junge Frau mit rosiger Haut und leichtem Sommerkleidchen setzt sich in Armesentfernung an den Tresen, bestellt sich einen Espresso. Er deutet auf das Buch und sagt zu ihr:

"Hesse. Gibt mir total viel."

Kommentare:

stealthy hat gesagt…

hrhr , klasse obwohl Du vergessen hast die Halbglatze zu erwähnen :D

Setza hat gesagt…

Donnerknispel.

viktorhaase hat gesagt…

richtig. sehr richtig. ich glaube auch, dass es eine innige seelenverwandtschaft zwischen hesse, tocotronic und blumfeld gibt.

Oles wirre Welt hat gesagt…

Es wäre zu hart zu sagen: Ich hasse Hesse. Aber ich kann Deinem sehr feinen Text und Viktors rasiermesserscharfen Analyse nur zustimmen. Ich bin immer vorsichtig, wenn ich in Kneipen Menschen in schwarzen Filzmänteln sehe, die den "Stepenwolf" lesen oder bei denen die rechte obere Ecke von "Narziß und Goldmund" aus dem Revers blinzelt.

viktorhaase hat gesagt…

deine vorsicht ist berechtigt. ich lege jetzt mal eben fest, dass hesse nur von menschen zwischen 13 -15 jahren gelesen werden darf. fsk-des buchhandels. in der pubertät macht hesse nix, da kann der nix kaputtmachen. in der wüste verliert jede planierraupe seinen schrecken.

Pe hat gesagt…

Viktor der Weise.

Setza hat gesagt…

In der Wüste verliert jede Planierraupe den Schrecken von Hesse?!

Oder wessen jetzt?