25.06.05

Paris und keine Klimaanlage

Himmelherrgott, diese Hitze. Ich kann den Sommer einfach nicht leiden. Ich mag es am liebsten, wenn es grau und regnerisch und kühl ist, die Leute nasse Hosenbeine und schlechte Laune haben. Wenn es heiß ist, muss ich immer an meine letzte Liebesreise denken. Die habe ich nach Paris unternommen.

Es war in dem gewaltigen Sommer vor drei Jahren. B. und ich waren gerade ein Paar geworden, es war meine erste Beziehung nach langer Zeit, und alles fühlte sich neu und ungewohnt an. Aber immerhin waren wir schon gemeinsam ins Kino gegangen, der Film hatte uns beiden gefallen, und später auf meinem Sofa hatten wir uns gegenseitig mit Kirschen gefüttert, deren Kerne wir unter großem Hallo quer durch mein Wohnzimmer und aus dem Fenster gespuckt hatten.

Wer auf die Idee kam, dass die Busreise nach Paris unserer aufkeimenden Liebesbeziehung gut täte, kann ich im Nachhinein nicht mehr rekonstruieren. Gut möglich, dass ich selbst so blöde war. Drei Wochen später traten wir am Hauptbahnhof in E. unseren Liebesurlaub an.

Ich hätte wieder aussteigen sollen, als ich die quietschjungen Pärchen sah, keiner von denen älter als zwanzig. Für einige Tage aus dem mütterlichen Schoß entflohen, schmatzte und schlürfte und kicherte es aus allen Sitzreihen. Augenrollen. Mal schauen, ob es im oberen Geschoss des Doppeldeckers gesitteter zugeht. Ging es nicht, aber wenigstens waren da mehr Plätze frei.

Ich hätte spätestens dann wieder aussteigen sollen, als der Busfahrer verkündete, die Klimaanlage sei ausgefallen. Tant pis, jodelte er ins Mikrophon, aber das verdirbt einer so aufgeweckten, jungen Reisegesellschaft wie uns ja sicherlich nicht die Laune. Wir seufzten kurz. Aber nun saßen wir ja schon einigermaßen bequem und blieben einfach sitzen.

Das sollte nicht die letzte Fehlentscheidung des Wochenendes bleiben. B. kommentierte jede einzelne mit "Du bist ja merkwürdig." Ich versuchte, die Knutscher vor und hinter und neben uns mit der Kraft des reinen Willens zu töten, und er sagte "Du bist ja merkwürdig." Ich war unfreundlich zu einem bornierten Pariser Ticketverkäufer, und er sagte "Du bist ja merkwürdig." Ob der Nachricht, man hätte unsere Zimmerbuchung verschlampt, setzte ich mich in eine Ecke und ließ meiner Verzweiflung freien Lauf, bis mir der Rotz aus der Nase lief, und er sagte "Du bist ja merkwürdig." Ich ignorierte B. nach Leibeskräften, und er sagte "Du bist ja merkwürdig."

Ich erinnere mich aber auch an glückliche Momente. Wir saßen im Garten von Versailles und schauten uns die Wasserspiele an. Eine Wolke, die einzige des gesamten Wochenendes, hatte sich vor die Sonne geschoben, die Schweißperlen auf meinem Rücken vedampften allmählich und B. hielt ausnahmsweise die Klappe.

Kommentare:

mark793 hat gesagt…

Oje, wenn das der beste Moment des Paris-Trips war, dann war das wohl wirklich nicht der Hit. Mit meiner Verflossenen gabs gleich zwei Reise-Flops: Paris (meine Stadt) und London (ihre Stadt). Alle anderen Reisen und Städtetrips liefen sehr harmonisch und erfreulich ab, aber in diesen beiden Metropolen war der Wurm drin. Wahrscheinlich wegen zu hoher Erwartungen.

Übrigens freue ich mich auch schon auf die kommende Rollkragenpulli- und Trenchcoat-Saison...

Pe hat gesagt…

Gegen den Winter darf jeder was haben, ohne dass er gleich komisch angeschaut wird. Ich finde das ungerecht.

kinky hat gesagt…

"Und im Winter wünscht du dir den Sommer herbei", besserwissen die Hitzefanatiker & Bratwurstfreunde. Dabei stimmt das gar nicht.

fagga hat gesagt…

Sommerhassen ist ja unheimlich modern jetzt, nicht wahr.

Setza hat gesagt…

Jetzt weiß ich, warum Sanssoucci dramaturgisch korrekt platziert war und bitte für meine kleinkarierte Nachfrage seinerzeit um Verzeihung.

Also um Verzeihung bitte ich heute.

Die Nachfrage war seinerzeit. Und kleinkariert. Wie ich heute weiß.

Du verstehst das schon.