09.06.05

Reisöl und Lotusblüte

"Wie schmeckst du eigentlich?", will er wissen. "Probier mal!" kann ich schlecht sagen, wir sind am Telefon. Also sage ich: "Weiß nicht." Er hält's aber für wichtig. Ich lutsche an meinem Handrücken und denke an mein Duschgel. Wenn ich jetzt sage: "Nach wertvollem Reisöl und Lotusblüte", dann muss sich wirklich niemand wundern, wieso ich immer merkwürdige Liebhaber habe. Also schweige ich. Ob ich denn niemanden hätte, den ich fragen könnte, will er wissen.

In solchen Situationen zahlt es sich nicht aus, immer besonders kritisch bei der Wahl seiner Liebhaber gewesen zu sein. Zwei habe ich seinerzeit in den Norden verbannt und einen in den Süden, einen habe ich verärgert, und schon bleibt nur noch A. übrig.

Von A. habe ich meinen ersten Kuss bekommen. A. habe ich seinen ersten Kuss gegeben. Und zwar vor der Kirche in meiner Nachbarschaft, unter einer riesigen Platane. A. hat sich seine Verblüffung darüber, dass es Zungenküsse gibt, deutlich anmerken lassen. Dass seine Eltern ihm verboten hatten, die Bravo zu lesen, konnte ich ja nicht ahnen. Ich ließ mich aber nicht entmutigen und demonstrierte binnen vier Minuten alle Kussvarianten, die mich die bis dato konsumierte Fachliteratur (Julia, Baccara, Denise) gelehrt hatte: Den Schmetterlingskuss, den saugenden Lippenkuss, den besitzanzeigenden Kuss, das tiefe Bohren mit der Zunge. Als ich A. nach Hause entließ, wirkte er ein wenig angeschlagen.

Ich habe mich danach noch ein Jahr um A.s Lippen, seine absurd heftige Akne, seine Mutter (lesbisch), seinen Vater (wegen der Mutter immer hart am Nervenzusammenbruch) und seine Großmutter (hühnereigroßer Grützbeutel am Kopf) gekümmert, und als ich wusste, dass ich weder Kosmetikerin noch Therapeutin noch Ärztin werden wollte, habe ich A. verlassen. Kinder können ja so grausam sein.

Kommentare:

Setza hat gesagt…

Kürzlich fragte mich eine, was ich sähe, wenn ich die Augen schließe in ihrer Gegenwart...

Pe hat gesagt…

"Mutter."

Oles wirre Welt hat gesagt…

Bei Küssen halte ich mich ungern mit Namen auf. Und insofern habe ich nicht den Hauch einer Ahnung, welche der unzähligen Varianten gefühlvoller Zungen- und Lippenberührungen sich nun hinter dem "Schmetterlingskuss" verbirgt...

Setza hat gesagt…

Schmetterlingsküsse sind jene, bei denen man mit den Wimpern an der Jochbeingegend der Anvertrauten schmetterlingsküsst, wie Schmetterlinge halt...

Namen von Jochbeinmädchen, mit denen ich schmetterlingsküsste, werd ich wohl nie vergessen.

Werde ich wohl.

Oles wirre Welt hat gesagt…

Schmetterlinge haben eine Jochbeingegend?

Schwarzes Schaf hat gesagt…

Nach dem gestrigen Blogeintrag ein weiterer Schock. Zumal noch niemand von mir wissen wollte, wie ich eigentlich schmecke. Verdammter Mist.

Schwarzes Schaf hat gesagt…

Ich habe gerade an meinem Handrücken geleckt. Ich schmecke nach der Seife in unserer Institutstoilette.

Setza hat gesagt…

Ich finde die Vorstellung schon recht lustig, dass das Schaf den Blog las, innerhalb von vier Minuten zur Toilette sauste, Hände wusch, leckte, zurückkehrte und erneut tippte.

Der Spaß würde allerdings geschmälert, wenn das Schaf eine jener Toilettenfrauen wär', die einen PC am Arbeitsplatz hat.

Na. Ich bin mal guten Mutes.

Schwarzes Schaf hat gesagt…

Meine Wenigkeit ist sich sicher, dass diese Information Dich sehr interessiert und darüber hinaus erleichtert: ich hatte kurz zuvor (etwa 15.28 h) das WC aufgesucht und pflege meine Hände nach jedem Toilettengang zu säubern.

Setza hat gesagt…

--> Schaf

Es müsste mich erleichtern, würde ich nicht annähme, dass Du Dir eh immer die Hände wüschest danach..

Sollte sich allerdings eine Sozialkompetenzfalle in Deiner Bemerkung aufhalten, kontere ich keck: »Ich habe reineweg gar nichts gegen Toilettenfrauen und weiß zu schätzen, dass sie für Dich und mich da sind.«

Darüber hinaus finde ich das Schmetterlingskussthema wesentlich wundervoller.

[Wie schmeckt denn nun Eure Institusttoilettenseife?]

Setza hat gesagt…

Weija, da kriegt ja schon beim leise Lesen nen Knoten in der Zunge..

Der erste Satz heißt freilich richtig:

»Es müsste mich erleichtern, wenn ich nicht eh annähme, dass Du Dir immer die Hände wüschest danach..«

Besser?!
Gell.

Oles wirre Welt hat gesagt…

Ich habe unsere Institutstoilettenseife noch nie mit der Zunge probiert, aber der Handtrockenpuster heißt Karin.

Setza hat gesagt…

Nun ja.

David Sedaris hätte vermutlich, zumindest hätte er die Schritte vom Urinal, am Waschbecken vorbei, bis hin zum Toilettenseifendisplay im Supermarkt gezählt.

Oder so.

Schwarzes Schaf hat gesagt…

Ich dachte, man sollte kollektiv wieder zum Schmetterlingskussthema übergehen.

Setza hat gesagt…

Dem pflichte ich bei.

Unumwunden.

Mach mal.
Bitte.

Setza hat gesagt…

Früher.

Ganz früher. Als das Wünschen noch half und wir regelmäßig auf Jour fixes erörterten, wie wir den Weltmarkt übernehmen, fiel ich Menschen, denen diese man-sollte-Sätze aus dem Mund quollen, in das Wort hinein mit der Frage »Wer ist man?«...

Wenn der man-sollte-Satz von der Lieblingskollegin kam, durfte sie auf meine Frage »Du« sagen und ich bekam dann einen Schmetterlingskuss von ihr.

Aber niemand hat ja mehr Zeit zu jourfixen. Niemand.

Und Lieblingskolleginnen haben die Tendenz zum Weggehen.

Es geht bergab mit dieser Welt.

Setza hat gesagt…

--> Schaf

... kollektiv ist aber was anderes, doo ...

Setza hat gesagt…

Heute morgen saß mir in der S-Bahn eine gegenüber mit einem schwarzen T-Shirt an und einem schwarzgrauen [klar, wenns bloß schwarz gewesen wär, hätte man das ja nie gesehen] Schaf auf der Brust, das auch durchaus ein Pudel hätte sein können, unter dem stand »Ich bin schuld!«

Das meinte die doch nicht ernst, oder?