26.07.05

Schon wieder nicht in den Harz

Wenn ich erzähle zugebe, dass ich dieses Jahr schon wieder nicht in Urlaub fahre, werde ich auf die milde Art angeschaut, die sonst nur Kindern und alten Leuten widerfährt: So vom Arbeitgeber ausgebeutet zu werden, dass man sich nicht mal eine Woche im Harz leisten kann, das ist selbst in Zeiten von sozialer Kälte selten. Dabei könnte ich locker drei Wochen ins Sauerland fahren, aber ich will nicht.

Wenn ich in fremden Städten bin, habe ich eigentlich immer Angst. Dabei macht es keinerlei Unterschied, ob ich mich nun in einem Land aufhalte, von dessen Sprache mir nur noch Erinnerungsbrocken aus der Mittelstufe erhalten geblieben sind, oder ob ich nur die Nachbarstadt besuche.

Vor einer Weile war ich in Köln. Kaum war ich aus dem Zug ausgestiegen, beschimpfte mich ein junger Mann. Ich bekam das allerdings erst mit, als ich die Stöpsel meines portablen Musikabspielgeräts aus den Ohren entfernte. "...otze!" war das Ende eines offenbar schon länger andauernden Monologs. Ich drehte mich um, aber da war sonst niemand, an den der Wortbeitrag hätte gerichtet sein können. Ich trottete vorsichtshalber ans andere Ende des Bahnsteigs und wartete dort, dass ich abgeholt würde.

Als ich nach einer guten halben Stunde immer noch auf dem Bahnsteig stand und der Wind meine sorgfältig erzogenen Haare vollends durcheinanderzubringen drohte, beschloss ich, eine kleine Runde auf dem Bahnhofsvorplatz zu drehen und nach einer Telefonzelle Ausschau zu halten, um dem jungen Mann, dem ich für den restlichen Tag meine Gesellschaft versprochen hatte, mitzuteilen, was ich von seiner Termintreue hielt.

Ich war noch nicht ganz aus dem Bahnhofsschatten herausgetreten, als mich ein Anhänger eines alternativen Lebensstils aufforderte, ihm ohne Gegenleistung "nen Fünfer" zu überlassen. "Meinst du Euro?", fragte ich nach. Ich drückte dem jungen Mann zwei Euro in die Hand und merkte gleich, dass er nicht oft Münzen entgegen nahm. Besonders zu freuen schien er sich auch nicht.

Nach einer weiteren halben Stunde fand sich meine Verabredung ein, um den nicht mehr ganz so langen Tag gemeinsam mit mir zu verbringen. Dass es sich nicht um einen gebürtigen Kölner handelte, wusste ich schon vorher (deswegen war ich die Verabredung überhaupt eingegangen), dass er allerdings bereits mehrere Jahre ohne die geringste Ortskenntnis in dieser Stadt hauste, konnte ich ja nicht ahnen.

Ich wurde den restlichen Tag unter dem Vorwand, hier irgendwo befände sich ein hervorragendes Programmkino, durch einen verwahrlosten Ortsteil namens Ehrenfeld geführt. Dort wurde ich Schaufensterdekorationen angesichtig, die ich so höchstens in Afghanistan anno 1974 erwartet hätte: Eine Auskleidung aus Bastelpapier, an der die Sonne offenbar seit mehreren Jahren ganze Arbeit geleistet hatte, davor mehrere Flaschen Branntwein, an die sich selig ein Teddybär kuschelte. Neben einer Parkbank sollte ich später am Tag eine Kinderausstattung finden: Hose, Pulli, Unterwäsche, ein Schuh. Nackte Kinder auf Kölner Straßen? Im Herbst?

Überhaupt ist der Sinnspruch "andere Länder, andere Sitten" verwirrend. Selbst einhundertfünfzig Kilometer Entfernung innerhalb eines Bundeslandes können schon eine Menge ausmachen. Bei mir daheim ist das nämlich so: Wenn Mutti mit ihrem Zwillingskinderwagen im schönsten Flaniertempo den Radweg entlang schlendert und rauscht mit dem Fahrrad sportlich heran, drosselt man rechtzeitig die Geschwindigkeit, seufzt innerlich und klingelt frühestens nach fünf Minuten höflich, um zu signalisieren, dass man es zu schätzen wüsste, wenn sie angelegentlich auf den ihr zugedachten Teil des Gehweges zurückkehren würde. Daher war ich völlig unvorbereitet, als mich eine hinterrücks heranbrausende Kölner Hollandrad-Schlampe quer über den Bürgersteig schubste, weil ich versehentlich mit meinem kleinen Zeh über die Begrenzung zum Fahrradweg geriet.

Ich weiß wirklich nicht, was am Verreisen so toll sein soll.

Kommentare:

Setza hat gesagt…

A) Ich gab ja bereits kund, dass soetwas in Berlin undenkbar ist. Inklusive des mit dem Zweieurostück Unzufriedenen. Da wird noch gearbeitet für das Geld und die »Motz«/»Straßenfeger« verkauft, oder sich »über eine kleine Spende« oder noch gültige BVG-Tickets, die dann weiterverhökert werden, gefreut.

B) Den Harz, wo ich alle gut verstanden habe und allerdings auch niemand »...otze« hinter meiner Begleitung hermaulte, kenne ich sowohl aus der Wernigeröder wie aus der Goslaer Sicht. Erstaunlich deckungsgleich, wenn man mal die vier Jahrzehnte paralleler Kulturentwicklung mit berücksichtigt. Liegt vielleicht auch daran, dass die vielen Jahrhunderte davor eben nicht parallel verliefen.

Deutsche Gesellschaft für Haarspalterei hat gesagt…

Goslaer verliert bei google gegen Goslarer mit etwa 619 zu 39200 Treffern. Bei Wernigerö(o)der wiederum hätte ich mit 5180 zu 14900 daneben gelegen. Dabei war ich mir so sicher, daß Herbert Roth seinerzeit "das schöne Wernigerode" und keinesfalls "das schöne Wernigeröde" besang.

Kid37 hat gesagt…

Hier darf man nicht ablenken. Köln ist ein zwiespaltendes Pflaster. Als ich noch 50 km entfernt lebte, habe ich es gehaßt. Nun, entspannter und weitere 400 km entfernt, entwickel ich mich langsam zum Fan der Kölschen Art. (Manchmal lasse ich sogar zur Freude, glaube ich, meiner Kollegen den Fröhlichen Rheinländer raushängen.

Geben Sie der Stadt also ruhig eine Chance.

(PS: Ist < stroke > oder < s > bei Ihnen nicht möglich?!?)

Pe hat gesagt…

In den Kommentaren leider nicht.

Mit nur 100 Kilometern Entfernung und einem Kölschen Vorgesetzten kann sich das Verhältnis nicht entspannen.

Wir können übrigens gerne du sagen. Vom Siezen bekomme ich Krampfadern.