16.08.05

Möhrchen

Ich habe keinen Führerschein. Ich wollte auch nie einen. Zur Arbeit fahre ich mit der U-Bahn. Meine Wohnung habe ich so ausgesucht, dass ich Kneipe und Theater fußläufig erreichen kann. Ich kann einen Mercedes nicht von einem Opel und einen Opel nur anhand der Räderzahl von einer Yamaha unterscheiden. Wenn man mich also mit dem Auto abholen und vermeiden will, dass ich mehrfach am Fahrzeug vorbeilaufe, verrät man mir lieber das Nummernschild und die Farbe.

Das einzige Auto, das ich je in mein Herz geschlossen habe, war ein königsblauer Renault R4. Mein Vater brachte es mit nach Hause, als ich ungefähr vierzehn Jahre alt war, und ich nannte es Möhrchen. Möhrchen war eine ungeheure Rostlaube. Die Dichtungen waren als Zierde zu verstehen. Hatte es geregnet, fuhr man zweckmäßigerweise mit Gummistiefeln oder barfuß. Bei 40 km/h fingen die Fenster an zu klappern; bei 60 km/h war der Lärm ohrenbetäubend. Schneller traute sich selbst mein risikofreudiger Vater mit diesem Auto nicht zu fahren.

Möhrchen, mein liebes Möhrchen (Abb. ähnlich).

Bei alldem konnte man sich glücklich schätzen, denn oft genug stocherte und drehte man mit dem Schlüssel im Zündschloss, ohne dass sich etwas tat. Die alte Dame brauchte ihre Pausen, wenn es zu kalt oder zu warm oder zu feucht war. Ich fand diesen Eigensinn ungeheuer charmant.

Leider sah mein Vater das anders, und so verbrachte Möhrchen nur ein halbes Jahr in unserer Familie. Ich habe den Verlust erst verwunden, als ich mir einen PC anschaffte, dessen Soundkarte nur bei einer Außentemperatur von weniger als 25 °C funktioniert.

Kommentare:

Setza hat gesagt…

Fußläufig, das Unwort der Immobilienfuzzis, findet sich mit hoher Treffsicherheit in jedem Exposé, das beschreiben muss, dass man das beschriebene Bauwerk zu Fuß irgendwohin verlassen kann.

Auf Rang zwei: Gehminuten

undundund hat gesagt…

unsere nachbarn hatten auch so einen wagen. da nachbars-sohn in meinem alter war, bin ich öfters mit nachbars-mama, nachbars-sohn und nachbars-wagen zur musikschule mitgefahren. auf der rückbank dann das glockenspiel ausgepackt und losgelegt, mein lieber schwan. später fand ich fußball spannender, da musste ich dann immer zu fuß hingehen ...

Setza hat gesagt…

...Du meinst, Du musstest fußläufig zum Fußball?!

Und. Wieviele Gehminuten waren es bis zum Stadion, hm?

Oles wirre Welt hat gesagt…

Ich bin meist radfahrig zum Fußball gefahren. Heute bin ich radfahrig fast überallhin unterwegs, manchmal auch busfahrig, aber dann habe ich Reisetaschen dabei. In die Stadt sind es ca. 10 Fahrminuten.

ungefragt hat gesagt…

Wir hatten auch so einen R4. Wenn es stark, also, so richtig stark geregnet hatte, fuhren mein Vater und ich ihn mit Vollgas durch die tiefste Pfütze der Stadt, so dass er anfing zu schwimmen und die Pfütze über uns zusammenschlug. Mutter durft´s nicht wissen.
Unser R4 endete ähnlich wie Ihrer.
Schade.

undundund hat gesagt…

@ setza: da wir ein haus mit stadion-anschluss hatten, musste ich nur so vier minuten gehen. im winter konnte man den hang sogar hinunterrodeln. die entfernung betrug dann nur noch eine rodelminute.

Setza hat gesagt…

Ja.

Das waren noch Zeiten, als wir die Wege noch in Rodelminuten maßen.

Weil wir einmal dabei sind:
Wie lange hätte es wohl gedauert, den Stadionhang hinaufzurodeln?

Das sind so Fragen, denen die Immobilienfuzzis ja gern mal ausweichen.

undundund hat gesagt…

gute frage. da kommt jetzt bei der berechnung bestimmt sinus und cosinus ins spiel. da möchte ich mir aber nicht die finger verbrennen.

damals berechnete sich die wohnqualität ja auch noch nach den schlittenminuten, die der landarzt brauchte, bis er eintraf. aber dann.

Setza hat gesagt…

Was?
Dann?

Schwarzes Schaf hat gesagt…

Kürzlich befragte ich die elektronische Fahrplanauskunft, um die zeitnaheste Busfahrmöglichkeit hinsichtlich der Abarbeitung eines, naja, so mittellangen Weges in Erfahrung zu bringen. Neben einigen mit Bus-Symbolen gekennzeichneten Fahrten spuckte die Fahrplanauskunft auch ein - kreisch - Fußgängersymbol aus, inklusive der Empfehlung, die Strecke in elf Minuten zu Fuß zurückzulegen. Ich faule Sau.

Oles wirre Welt hat gesagt…

elektronische Busfahrpläne sind immer wieder spannend.

undundund hat gesagt…

@setza: dann setzte sich der onkel doktor in den schaukelstuhl vor dem gemütlichen kaminfeuer, stopfte seine meerschaumpfeife und erzählte die kafkaeskesten geschichten aus seinem leben ;)

Setza hat gesagt…

--> und

Weija.

Da hätte ich aber auch selbst (selber?) drauf kommen können.

&

Schau mal, das Schaf kokettiert.

Schwarzes Schaf hat gesagt…

Das Schaf ignoriert.

Setza hat gesagt…

...aber recht kokett.
Ja ha.

Heute morgen sah ich übrigens einen schwarzen Pudel, der so nachlässig frisiert (geschoren?) war, dass er doch nachhaltig (völlig falsches Adjektiv an diesem Platz, aber wir haben Wahlkampf) an ein Schaf erinnerte.

Na ja, nur mittelfristig. Hunde gehen irgendwie anders und zupfen auch kein Gras... Das merkt man dann schnell.

undundund hat gesagt…

ich war mal in schweden in urlaub, da hatte der wohnungsvermieter auch ein paar schafe, die er aber nicht geschoren hat. die sind andauernd über ihre eigene wolle gestolpert. irgendwie fies, aber das war manchmal eine abendunterhaltung (kein tv).

Setza hat gesagt…

Das erinnert mich an die Kinderabenteuer dieses dänischen - hab den Namen vergessen, Pelle wars jedenfalls nicht, der, den ich meine, ist glaube ich von Frau Lindgreen und wurde zur Strafe immer in den Schuppen gesperrt - Jungen, der die Schweine mit dem Treber (?) vom Kirschwein fütterte.

Ganz schön tough drauf, diese Skandinavier.

(Das Schaf ist aber wohl eher von hier. Oder?)

Setza hat gesagt…

Michel.

triac hat gesagt…

In lateinamerikanischen Ländern fahren selbstgebaute Fahrzeuge, welche im Dienste der Landwirtschaft stehen, unter dem Namen "paco paco" über nicht vorhandene Straßen. Dieses Gefährt könnte da durchaus mithalten, nur was heisst "Möhrchen" auf spanisch?

Schwarzes Schaf hat gesagt…

Ich wusste, dass die Schafdiskussion ein natürliches Ende finden würde. Und: Putzerfisch! Putzerfischlein!

Setza hat gesagt…

Es wusste es.

undundund hat gesagt…

wo wir gerade von schafen reden. auf chinaseite.de steht foglendes:

Menschen, die im Jahr des Schafes geboren sind, zeichnen sich durch Freundlichkeit und Gutmütigkeit aus. Sie besitzen künstlerisches Talent und Eleganz. Allerdings sind sie oft nachdenklich, schüchtern und pessimistisch. Sie sind zwar oft nicht redegewandt, vertreten ihren Standpunkt jedoch mit Nachdruck und Leidenschaft. Sie passen am besten zu Menschen, die im Jahr des Hasen, des Schweins oder Pferds geboren sind.

wie man das alles ausdeuten soll, ist mir ein rätsel, es liest sich aber sehr elegant.

rollinger hat gesagt…

Einen R4? Ihr Herr Vater hat Geschmack!
Unkaputtbarer Motor dieses Ding und erst die Campingsitze waren herrlich.
Die sogenannte "Revolverschaltung" war unerreicht lustig und hängte sich hin und wieder auch mal aus.

Pe hat gesagt…

Was für ein famoses halbes Jahr: Jede Ausfahrt ein Abenteuer.

Heute fahren sie einen silberfarbenen Kleinwagen. Irgendwas Asiatisches, glaube ich. Kein Vergleich.