11.08.05

Walli und Nobbi

Hätte ich einen weiteren Grund gebraucht, R. nicht zu heiraten, wären es seine Eltern gewesen.

Mutter Waltraud trug zur toupierten Kurzhaarfrisur ("Macht einen schönen Hinterkopf!") ausschließlich wadenlange, karierte Faltenröcke, die sie gerne mit unifarbenen Feinstrickpullis kombinierte. Dabei achtete sie akribisch darauf, dass die Pullifarbe sich keinesfalls im Karomuster wiederfand.

Vater Norbert liebte alles, was aus Bayern kam, und außerdem die Formel1. (Waltraud stammte aus Nordrhein-Westfalen.) Norbert arbeitete mehrere Stunden täglich an seiner trumpesken Scheitelfrisur. Ansonsten war er Frührentner.

Waltraud und Norbert moderten in einem winzigen Wohnzimmer, in das sie mit schier übermenschlichen Kräften ein Eckdatum deutschen Resopalschaffens in Eiche rustikal gepresst hatten, die so genannte Schrankwand. En face kauerte sich ein Ledersofa in die Ecke. Jedenfalls hieß es, es handele sich um ein Ledersofa. Untendrunter.

Was im Wohnzimmer von Mutter Waltraud und Vater Norbert nicht mit Heimdecken ausgekleidet war, wurde mit Spitzendeckchen dekoriert. Diese waren im Laufe der Jahre eine organische Verbindung mit dem Untergrund eingegangen und wurden einmal im Monat zusammen mit dem Ficus abgekärchert.

Das Buch, das ich während meines ersten Besuchs bei Mutter Waltraud und Vater Norbert aus dem Bücherregal zog, machte mich jedoch stutzig. Ich schlug es auf und las: "Fick mich, fick mich, fick mich, du kleiner geiler Fickfrosch".

Wir haben nie darüber geredet, wer von beiden der Henry-Miller-Fan war, und als sie mir anboten, ich dürfe sie ruhig Walli und Nobbi nennen, bekam ich es endgültig mit der Angst zu tun.

Kommentare:

Setza hat gesagt…

Faszinabel immer wieder, wie die jeweils jüngere Bevölkerungsgruppe bestutzt ist, dass die jeweils ältere Bevölkerungsgruppe sich immer noch sexuellen Handlungen, ja zuweilen gar Freuden, hingibt.

Der/die 15-jährige kann sich nicht vorstellen, dass es die 25-jährigen noch tun, der/die 25-jährige nicht bei den 40ern und die 40er nicht bei den 60ern, na und so fort...

Trumpeske Frisuren (meine Mama nennt das, »die Sardellen über die Glatze legen«) sind allerdings allemal ein Flüchtlingsgrund; soviel ich weiß, sogar von der UNO anerkannt.

Programmiernutte hat gesagt…

Ich hasse Schrankwände.

BLOXXTER hat gesagt…

Flieht vor toupierten Kurzhaarfrisuren. Sofort. Nicht überlegen.

Ettore Schmitz hat gesagt…

Es waren insgesamt diese zähflüssigen, klebrigen Ungereimtheiten, die mich in den Nebeln meiner Vergangenheit dazu gebracht haben, meine Eltern kaltblütig zu ermor.. verlassen. (Obwohl mein Vater zu diesem Zeitpunkt längst gestorben war, neigte ich gelegentlich zu der Überzeugung, daß meine Mutter noch Jahre später womöglich deshalb an zerborstenem Herzen vesrchieden sei!)

Heute aber, viele, viele Jahre später und längst etabliert als Vollwaise, muss ich sagen: ich würde es wieder tun!

Und ich kann Dir nur raten, Frau Pe., froh zu sein über das glimpfliche Ende. Es wäre alles noch viel schlimmer auf Dich gekommen. Deine Kinder hätte Grosseltern aus halbtransparentem Monströsitäten- hartschaum. Dein Ehegatte, jenen mit Gewissheit folgend, sässe bald mit extrem haarigen Unterarmen, stark riechendem Ohrenschmalz und falbweissen Anzügen aus Vanillejoghurt auf durchgeschwitzten Bürodrehstühlen und würde mitnichten "Ficken, Ficken" mögen, beim Anblick Deines wachsenden Entsetzens.

So aber, bedingt durch Deine wunderbare und sehr grosse Renitenz, ist nun doch noch alles gut geworden bei Dir.

Wünscht Dir

Ettore Schmitz

Pe hat gesagt…

Schnickschnack, darum geht's doch gar nicht. Natürlich sollen sie vögeln, sehr gerne sogar. Sich allerdings eine Erektion in einem Wohnzimmer voller Eiche-rustikal-Möbel und Häkeldeckchen anzulesen, finde ich sehr, sehr unheimlich.

Pe hat gesagt…

Da sind sie wieder, die weißen Anzüge. Ich muss mich verstecken.

Oles wirre Welt hat gesagt…

Allein die Vorstellung eregierter Frührentner und erregter Feinstrickpullifrauen in heimtümelnden Stuben fordert meine Fantasie. Wenn sie dann noch "Walli" und "Nobbi" heißen, gebricht es den Namen a) am entscheidenden Schuss Verwegenheit und b) hört meine Fantasie hier auf, sich irgendetwas Konkreteres vorstellen zu wollen.

Wobei "Walli" und "Nobbi" vielleicht doch noch besser ist, als sich gegenseitig "Mutti" und "Vati" zu nennen. Ich kann mir keine intimen Leidenschaften mit einer Frau vorstellen, die ich "Mutti" und die mich "Vati" nennt. Ich würde mich weigern, mich so nennen zu lassen! Und selbst werde ich nie jemanden so nennen. Selbst meine Mutter nenne ich nicht Mutti.