26.10.05

Handschweiß und ein Kuss

Den unangenehmsten Kuss bekam ich mit siebzehn, und kurz darauf war ich sturzbetrunken. Das ging so:

Mein bester Freund, der H.-T., hatte eine große Schwester, die hieß S., und einen kleinen Bruder, der hieß M. M. war zwei Jahre jünger als ich, also völlig inakzeptabel. Ich hatte allerdings schon eine Weile keinen Verehrer mehr gehabt und verspürte wenig Lust, die Blüte meiner Adoleszenz innerhalb meiner Jugendzimmerwände zu erleben, zumal die Zeit drängte, mit zwanzig wäre das Leben ja bekanntlich gelaufen, mit viel Glück hätte man bis dahin bereits eine Kleinfamilie und eine Altersvorsorge installiert und könne den Rest des Lebens in einiger Sorglosigkeit verschimmeln. Als M. mir auf seine Fünfzehnjährigenart Avancen machte, also jede Zuneigung leugnete, zögerte ich nicht lange und verabredete mich mit ihm im Theater.

Dort sahen wir Romeo und Julia. Die Schauspieler, der M. und ich langweilten uns ganz schrecklich, allerdings war ich die einzige, die sich davon nichts anmerken ließ. Einmal nahm M. meine Hand, die war heiß und schwitzig, das hielt ich nur kurz aus. Nach zwei Stunden waren alle erleichtert, nach Hause gehen zu dürfen. Nur der M. hatte sich noch was vorgenommen.

Ich brachte M. zur Bushaltestelle. Wir redeten noch ein bisschen darüber, wie wir das Stück gefunden hatten, irgendwie total toll und so, die meiste Zeit schwiegen wir aber. Der Bus bog um die Ecke. M. probierte etwas, das er für einen verführerischen Blick hielt, und stimmte mich mit den Worten "Bittesehr, da hast du deinen Kuss!" auf die feuchtwarmen eineinhalb Sekunden ein, die zu beschreiben meine Sprache noch heute zu dürr ist. Als er fertig war, hing mir ein Speichelfaden am Kinn und mein Jugendzimmer schien mir plötzlich viel attraktiver als vor dieser Verabredung. Dort wollte ich jetzt unbedingt sein.

Auf dem Weg dorthin kam ich am Wohnzimmer vorbei. Da hatten sich meine Eltern, mein Onkel und meine Tante zum so genannten gemütlichen Beisammensein eingefunden. Unter großem Hallo referierte ich meine Verabredung und bekam ein Glas Bitter Lemon vorgesetzt, dem mein Vater eine homöopathische Dosis Wodka zugesetzt hatte. Ich solle das mal trinken, hinterher würde es mir besser gehen. Das tat es tatsächlich. Nach dem ersten Glas.

Nach etlichen weiteren Gläsern, mein Vater hatte die Mischung zu Gunsten des Wodkas drastisch verändert, gab ich eine mir bis dato völlig unbekannte Weise zum Besten, deren einziger Text lautete "ich geh ins Kloster". Meine Mutter brachte mich ins Bett und half mir beim Ausziehen.

Ein bisschen glaube ich, das war die späte Rache für die Kühlschrankgeschichte.

Kommentare:

Schwarzes Schaf hat gesagt…

Die Schwierigkeit in der Benennung meines unangenehmsten Kusses liegt in meiner Unfähigkeit, hinsichtlich der verschiedenen Unannehmlichkeitsaspekte eine Rangfolge angeben zu können. Deine Version ist meines Erachtens insbesondere in Anbetracht der Vorgeschichte als nur mäßig ekelauslösend einzustufen: lediglich eineinhalb Sekunden, keine schwerwiegenderen Verletzungen im Gesichtsbereich, und atmen konntest Du nachher offenbar auch noch.

sonrisa hat gesagt…

Mein erster Kuss war ein Traum. Ich sonrisa, sie Julia (kein Scherz), beide braungebrannt am Pool eines Campingplatzes an der Costa Brava. Gefummelt ham wir dann am Strand, man war das schön, so schön wie nix schön ist so schön.