03.01.06

Frisch aus der Unfallpraxis

Der Arzt kniffelt die Röntgenbilder an. Kein Zweifel: Die Knochen heilen wie eine Eins und verrücken keinen Millimeter. Keine Operation, nicht mal eine kleine. Merde! Da kann ihn selbst der Knochensplitter, den er irgendwo an meinem Außenknöchel entdeckt, nicht mehr aufmuntern. Er streicht das Übergrößehemd glatt, zieht eine Flunsch, bestellt mich für Freitag, überlässt es den Teenagern, die sich als Arzthelferinnen verkleidet haben, mich neu zu gipsen, und entschwindet in Richtung verheißungsvollerer Behandlungen.

Während die Teenager damit beschäftigt sind, Gips, Tapes und Mullbinden zu applizieren, streckt der Arzt noch mal den Kopf rein: "Bis das ausgeheilt ist, dauert es noch acht bis zwölf Wochen."

Natürlich habe ich ihm die Freude des letzten Wortes gegönnt. Ich bin ja kein Unmensch.

Kommentare:

undundund hat gesagt…

beneidenswert, pe. du erlebst noch etwas, hast noch was zu erzählen, wohingegen mir in letzter zeit überhaupt rein gar nichts mehr einfällt, seitdem ich mein haus kaum noch verlasse. vielleicht sollte ich mir auch einmal eine verletzung zulegen. einen kleinen holzsplitter im fuße, ein bisschen haarspliss oder ähnliches. ach.

Pe hat gesagt…

Verletzungen handele ich ja gerade ab. Und pittoreske Unfallpraxen sind ja auch selten. Bei akuter Erlebnislosigkeit empfehle ich: Einfach mal den öffentlichen Nahverkehr benutzen. Eislaufen gehen.

Bünni hat gesagt…

Das mit dem Nahverkehr kann ich nur bestätigen...

undundund hat gesagt…

nahverkehr. guter tipp. allerdings gibt es in berlin ja eine vielzahl von nahverkehrsmöglichkeiten: u-bahn, s-bahn, tram-bahn, express-bus, metro-bus, velo-taxi, ja, sogar mit der kutsche kann man sich inzwischen von a nach b dingensen lassen. ich fürchte, ich zergrüble gerade die idee.

ettoreschmitz hat gesagt…

"...die Freude des letzten Wortes".

Er sagte "Wochen". Meinte aber natürlich "Monate". Es ist schließlich ein Kahnbein und kein Haufen Sch...dreck. Das braucht.

Aber ich bin trotzdem froh um dich. OPs gehen viel öfter tödlich aus, als man denkt. (Das wird oft nicht kommuniziert, weil womöglich noch kein Betroffener zurückgekommen ist.) Prinzipiell sollte gelten: fremde Menschen haben nichts hinter oder gar unter deinen Schleimhäuten zu suchen. Bewusst sage ich auch: hinter oder unter, nicht in oder zwischen. Aus.

SauerbruchSchmitz

Pe hat gesagt…

Wahrscheinlich meinte er Jahre. Aber wer will schon so kleinlich sein.

ettoreschmitz hat gesagt…

Na, mein gebrochener und schief zusammengeknubbelter Mittelfussknochen aus 1995 klingelt heute noch gelegentlicht da oben in der Zentrale, wo die ganzen Sachen zusammenlaufen (sollten).

Das mag aber auch daran liegen, dass ich nach drei Wochen den Gips selbst entfernt habe (Seitenschneider, Gartenschere), weil er innerhalb eines regionalen Hochwassers sehr, sehr hinderlich wurde. OP-Drohungen des händeringenden (allerdings auch sturzbetrunkenen) Arztes, den ich Wochen später auf einem Volksfest antraf, wurden ignoriert und bald darauf bin ich von dort weggezogen, noch viel tiefer ins Hinterland, wo es weder OP-Ärzte noch Nahverkehr gibt.

Das rate ich Dir auch, Pe, falls etwa auch du deinen Gips selbst entfernen möchtest: zieh dann einfach ins Hinterland ohne Nahverkehr und OP-Ärzte. Die Luft wird schlagartig besser und man hört einfach das gelegentliche Klingeln da oben in der Zentrale weitaus ungestörter.

Und: pittoreske Unfallpraxen (ich habe schon wieder gekniet, du machst mir langsam Angst) gibt es hier auch, oh ja. Man berichtet mir oft geradezu von "Praxen des Grauens", in denen sogen. "Ärzte ohne Grenzen" alles "locker selbermachen und durchbehandeln bis zum Schluss" - auch ihre mit weissen Kittelschürzchen verkleideten Schönheiten aus dem Agrarumfeld. Es fehlt an nichts hier draussen, ich schwörs dir.

Pe hat gesagt…

Sag mal, Schmitzi, du als Fachmann: Was außer dem Seitenschneider hilft eigentlich gegen den unerträglichen Juckreiz, der sich gerade unter all dem Gips und dem Mull ausbreitet und sich irgendwie ungesund anfühlt? Und wusstest du, dass es Kniekissen gibt?

ettoreschmitz hat gesagt…

Ha, Pe, der Juckreiz ausserhalb des magisch-bermudischen Dreiecks zwischen den grossen Zehen - mein Spezialgebiet!

Also erstmal: das ist alles ganz normal, Pe. Kein Anlass zur Sorge - nur zum Wahnsinnigwerden.

Aber wir müssen unterscheiden zwischen dem Juckreiz, der sich anfühlt wie der übliche Juckreiz auf der Haut, z.B. zwischen den Schulterblättern oder irgendwo sonst, wo man schnell mal hinfährt und sich - ganz wie belanglos - hurtig kratzt. Oder dem tiefer in den orthopädischen Eingeweiden sich meldenden, seltsam unbekannten Juckreiz, der dem Alltag üblicherweise fern ist. Dieser ist Zeichen der Knochen- und Knochenhautheilung und auch nicht zu verachten und noch weniger (ausser durch Übermengen Alkoholika oder gar bewusstseinsverödender Antihistamine) zu behandeln. Diesen muss man freudig auslachen, weiss man doch, dass er Vorbote der alsbaldigen Genesung ist.

Der andere Juckreiz aber, der sich auf der Haut ansässig anfühlt, sozusagen zwischen Gips und Beinfuss, der ist ein hundsgemeiner Geselle. Hier hilft von oben wie von unten - irgendwo ist immer ein Loch, sonst bohrt man eins!!! Und überdies schmilzt das ganze Menschengestell pro Woche unter Gips um 1 cm, das schafft Luft... - hilft also meist das Einführen von Hilfsmitteln wie Lineal, Strick- oder Häkelnadeln, mit denen man herumfuhrwerkt wie nicht gescheit. Aber auch nicht soo hirnrissig wild, daß man sich die ohnehin schwächelnde Haut aufreisst. Wenn es zu bluten anfängt, kann man spätestens aufhören, sonst *siehe Seitenschneider*.

Gottlob wirst Du ja nie der Borderline-Abteilung angehören; andererseits gäbs dort noch ein paar klasse Tipps, die aber unsereins dann eher mal ignoriert und auch nicht aus irgendwelchen dubiosen Internetforen bezieht, bittschön.

Und Kniekissen - das ist ja wohl das Letzte. Hat dir das ein Arzt geraten? Das ist Vergewaltigung aufgrund hippokratischen Meineids.

Nee - lass das restliche bewegliche Zeugs (Beinchen) lieber unangenehme Verrenkungen machen, das schaffst Du schon irgendwie. Aber Kniekissen in einer Situation ausserhalb amerikanischer Gefängnisse? Nie! Du brauchst ja nur an die wunderbare "Veranlagung" Deiner rechten Hand zu denken, dann verbietet sich das von selbst....hm?



GipSchmitz

Pe hat gesagt…

Mein Lieber, das Kniekissen war als Empfehlung für dich gedacht. Falls mir versehentlich noch mal was Anbetungswürdiges entfährt. Mein gestrenger Herr Papa jedenfalls benutzt eins. Da dachte ich. Aber egal.

ettoreschmitz hat gesagt…

ACH SO!
Für mich bzgl. des Kniens. Verstehe.
Ja nun: das hat was. (Mistbiene!)

Nächstes Mal drehe ich mich seitwärts. Wenn er neben mir kniet, der Herr "FasseDichKurzPapa", machen wir was aus, was Dich betrifft, wenn's dir recht ist (oder nicht), unter Männern.

Da wird sich aber eine Osthoff im Shador umdrehen, das kann ich Dir flüstern... von wegen "aber egal".

SackzementSchmitz

Pe hat gesagt…

Da hat der Arsch aber Kirmes, do!

ettoreschmitz hat gesagt…

SO sagt man ?
Parbleu!

Pe hat gesagt…

Aber hallo. Aber hallo.