12.01.06

Geschichten aus der Unfallpraxis - Verlängerung wegen des großen Erfolges

Mit der Routine wächst meine Freude an den Besuchen in der Unfallpraxis.

Man kennt sich inzwischen: Lässig wedele ich mit dem Krückstock am Empfang vorbei, das diensthabende Sprechstundenhilfen-Girlie grinst. Ich nehme meinen Stammplatz vor dem Plakat mit Hautkrebs-Illustrationen ein. Von dort aus habe ich sowohl das Wartezimmer als auch die Neuankömmlinge gut im Blick.

Ein Seniorenehepaar, beide mit sorgsam von sich gestreckten Füßen, beide mit petrolfarbenen Gehhilfen, hat sein eigenes System zur Effizienzsteigerung beim Auswerten der Lesezirkel-Postillen entwickelt. Sie blättern in verschiedenen Ausgaben der Freizeit-Revue und geben einander die interessanten Artikel zu lesen. Sie: Dümmlich glotzender Pekinese im Weihnachtsmann-Kostüm. Er: Boris Becker im Liebesrausch. Die Harmonie rührt mich. Wahrscheinlich haben sie sogar das gleiche Fußleiden.

Am Empfang schildert ein Mittzwanziger mit einer Frisur, die an einen englischen Golfrasen gemahnt, wie er sich mit der Kreissäge den Unterarm geöffnet hat. Natürlich werde ich im spannendsten Moment ins Behandlungszimmer zitiert.

Der Unfallarzt wartet bereits auf mich. Das Übergrößehemd von heute ist schon ein bisschen dünngewaschen, ich sehe die Umrisse seines Bauchnabels. Der ist so groß wie der Chiemsee.

"Pe, Sie wollen sicherlich mehr laufen", sagt der Arzt. Ich mache innerlich bereits eine Beckerrolle und jauchze: "Ja, JA, JA!" Der Arzt streichelt das Übergrößehemd knapp oberhalb des Chiemsees und grinst mokant. "Daraus wird aber leider nichts. Sie müssen noch ein bisschen Geduld haben." Arschloch.

Ich trotte zur Anmeldung und hole meinen Folgekrankenschein ab. "Bis nächste Woche dann, Pe." "Ja, bis nächste Woche." Und wenn es auf dieser Welt auch nur einen Funken Gerechtigkeit gibt, wächst dem Arzt bis dahin ein mächtiges Furunkel.

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