16.01.06

Michelangelo und Mettigel machen R. nicht glücklich

R.s herausragendste Eigenschaft war nach eigenen Angaben, einen Big Mac essen zu können, ohne dabei zu kleckern. Nie musste er sich Sauce vom Kinn abwischen und auch das letzte Stück Salatschredder fand den Weg zu R.s mahlenden Zähnen. Eine Glanzleistung der westlichen Zivilisation.

Nebenan war ich auf meinem Tablett stets bemüht, die größtmögliche Schweinerei anzurichten. Mit Ketchup malte ich eine eigentümliche Version des Jüngsten Gerichts auf die Papierunterlage. Einmal bastelte ich aus einem Hamburger und einer Portion Pommes eine moderne Variante des Mettigels. R. wirkte darob nicht besonders glücklich. Hätte R. den Erzählungen der gestrengen Frau Mama besser zugehört, hätte er sich manches Kopfschütteln erspart.

Als Kind hatte ich eine Leidenschaft für Slime, die die gestrengen Frau Mama regelmäßig in die Nervenzerrüttung trieb. Mal klebte ich mir neonfarbene Popel-Imitate ins Gesicht, mal wickelte ich mir einen Slime-Faden um den Zeigefinger und schwang ihn wie ein Lasso.

(Ich habe mir das damals so vorgestellt: Um den Rohstoff zu gewinnen, würden in Amerika Indianer aus ihren Reservationen vertrieben. Stattdessen würden Bronchialkranken-Camps errichtet und morgens würde abgeerntet. Bisschen Farbstoff, ab in die Dosen, rein in die Läden. Eine Geldmaschinerie sondergleichen.)

Später, mein Slime war seit etlichen Jahren verendet (es hieß, ich hätte vergessen, den Deckel der Slime-Dose ordnungsgemäß zu verschließen, daraufhin wäre es ausgetrocknet), fand ich Trost in der Kuchenbäckerei. Roher Teig war fortan mein Glücksspender, in den ich meine Finger vergraben und in dem ich wühlen und kneten und matschen konnte, und ich war fast so glücklich wie in Kindertagen. Leider stehen Glück und Talent nicht immer in Relation. Lade ich zum Kaffee ein, erbietet man sich regelmäßig, man könne doch Kuchen mitbringen. Ich hätte ja mit dem Kaffee und dem Tischdecken bestimmt genug zu tun. Man habe ohnehin gerade einen fabelhaften Zuckerkuchen im Rohr, da müsste ich doch nicht auch noch. Oder wie's der Zufall will, habe man gerade eine ganze Schwarzwaldtorte vom Konditor erworben. Je nachdem.

Dabei versuche ich es gar nicht erst mit komplizierten Rezepten, die handwarme, flüssige Butter benötigen oder exotische Fertigkeiten wie das Aufmontieren erfordern. Aber selbst die Backmischungen widersetzen sich dem Gelingen. Von meinen Werken wird noch jahrelang unter Codenamen wie "Vulkanausbruch" oder "Mandarinendesaster" gesprochen. Aber das Glück beim Teigmatschen, das kann mir keiner nehmen.

Kommentare:

undundund hat gesagt…

das mit dem bronchialkranken-camp verfolgt mich ein bisschen.

Schwarzes Schaf hat gesagt…

"Abgeerntet". Das gefällt mir. Beim nächsten Schnäuzen werde ich mit Sicherheit daran denken.

Oles wirre Welt hat gesagt…

Du sprichst mir aus der Seele. Ich war der größte Fan von Matschen und Rumpampen in der weiteren Nachbarschaft.

undundund hat gesagt…

wobei diese antiken menschen da früher ja dachten, die seele würde nach dem tod so pneumatisch aus der nase heraus sich verduften.

undundund hat gesagt…

assoziationsklimbim:
publius ovidius naso.

Setza hat gesagt…

Das Jüngste Gericht ist also Rechtsträger.

Im doppelten Sinne.
Versteht sich.