26.01.06

Ungereimtheiten aus der Unfallpraxis

An der Tür des Röntgenraumes ist die Nr. 7 angeschlagen. Dort hinein geht ein Mann, mittelalt, hintendran die Sprechstundenhilfe. Die ist, mit Ausnahme des Arztes, die einzig Volljährige der Belegschaft und knüpft sich immer einen Knoten in ihr langes, welkes Haar. Jedenfalls: Beide rein in den Raum, die Tür geht zu. Unverständliches Gemurmel. Die Tür geht wieder auf, ich sehe eine Liege und darauf ein Paar nackte Männerbeine, die Geknotete tritt heraus, schließt die Tür hinter sich und betätigt den Röntgenauslöser neben der Tür. Es summt. Es summt sehr lange. Es hört nicht mehr auf zu summen. Die Geknotete ist verwirrt, anscheinend gehört das nicht zur üblichen Prozedur. Tür auf, nackte Männerbeine, Geknotete rein in Nr. 7.

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Wenn man ungefähr drei Ausgaben der Freizeit-Revue durchgeackert hat, wird man von der Sprechstundenhilfe aufgerufen. Das geschieht vom Anmeldetresen aus, und der ist vom Wartezimmer vier bis sieben Meter entfernt, je nachdem, wo man noch einen Platz gefunden hat. Die Sprechstundenhilfe brüllt also: "FRAU!" Oder auch: "HERR!" Das erschöpft sie dermaßen, dass sie den Nachnamen kaum mehr als flüsternd über die Lippen bringt, das Wartezimmer reckt die Ohren kollektiv in Richtung Sprechstundenhilfe und anschließend diskutiert die Gruppe, wer gemeint sein könnte.

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Es gibt insgesamt zwölf Behandlungsräume, aber nur einen Arzt.

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Nr. 7: Es hat immer noch nicht aufgehört zu summen. Hinter der Tür wird geredet, wegen des Summens verstehe ich aber nur "warten, bis das Gel durch ist" und "kann 'ne Weile dauern". Tür auf, das Summen schwillt an, die nackten Männerbeine werden allmählich langweilig, ich schaue schon gar nicht mehr hin. Geknotete raus, halblaut in meine Richtung: "Es summt."

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Während ich in Nr. 9 auf den Arzt warte, denke ich gemeinsam mit Nicholson Baker über das Wesen der Milchtüte nach. Mittendrin kommt er rein, der Arzt, und in seinem blütenweißen Übergrößehemd sieht er ein bisschen wie eine Milchwerbung aus. Es folgt die übliche Prozedur: Raus aus den Verbänden, Fuß anschauen, rein in die Verbände. Ob ich Schmerzen habe, will er noch wissen. Nein, sage ich. Das ist ja seltsam, sinniert er. Hervorragendes Genmaterial, gebe ich zu bedenken. Gut, lenkt er ein, Röntgen dann schon nächsten Donnerstag.

Im Detail betrachtet ist das Leben oftmals sehr verwirrend.

Kommentare:

ettoreschmitz hat gesagt…

Früher, also zu meiner Zeit, etwa 1850, war Herr Baker ja noch garnicht so sehr bekannt und wollte deshalb keine Unfallpraxen beschreiben.

Wie genüsslich zu erleben, daß Pe das jetzt so grandios übernommen hat.

Hin und weg davon: Old Schmitzinski

Setza hat gesagt…

Ich meine, wenn Pe schon da sitzen muss, erwarte ich natürlich auch was ordentlich Beobachtetes... Nicht unbedingt allerdings, dass sie sich zwischen SPIEGEL, focus, STERN oder gar DER ZEIT für die FREIZEITREVUE entscheidet.

Außerdem: Gewisse Abläufe scheinen tatsächlich dafür gemacht, dass wir immer das blinkende Schild lesen sollen *blink blink* »Komm' hier nie wieder her! Wir sind auch ohne Dich schon reich genug.« *blink blink*

Pe hat gesagt…

Vergrippte Männer haben ja immer was zu meckern. Immer.

Pe hat gesagt…

Das aufmerksame Leserle wird außerdem bemerkt haben, dass ich mich für das mitgebrachte Taschenbuch entschieden habe. (Eiserne Regel: Verlasse die Wohnung nie ohne ein Taschenbuch.)

Pe hat gesagt…

Taschentücher indes vergesse ich häufig.

undundund hat gesagt…

ein taschentuch besitzt gegenüber einem hardcover zudem den vorteil, dass man sich beim hineinschneuzeln nicht so die nase aufschlägt.

gute wahl übrigens, nicholson baker.

Setza hat gesagt…

(Grippe?! Lass den Kelch an mir vorübergehn. Bitte. Ich bessere mich auch zusehens... Das ganze Büro duftet nach den wogenden Latschenkieferhainen aus den mittlerweile im Dünndarm befindlichen GeloMyrtolkapseln, weißt Du. Gott sei dank nur für mich, wie meine zaghafte Investigation in Kollegenkreisen ergab.)

Fußbrüchigen Prinzessinnen hingegen wird ja ein wenig der Blick verstellt für die herumschwirrenden Zärtlichkeiten...

Von ihrem eigenen, gebrochenen Fuß, versteht sich.

Wo sich die Katze (sic!) mal wieder in den Schwanz hineinbeißt. Gott, was sind wir Dramaturgen...

Pe hat gesagt…

Da täuschst du dich.

ettoreschmitz hat gesagt…

Antwort auf "setza hat gesagt":

Setza Sotsass, ehedem sezza sodann, hernach womöglich Schausteller Sotann, ich warne mich vor Verwirrspielen. Sie greifen nämlich.

Will hier mal eine kleine Geschichte einflechten, die sich im verhältnismässig heissen Sommer 1982 in Mynchen abgespielt hat. Da gab es ein paar zeichnende Schrägvögel bei einer Zeitung, die man damals "Mynchner Stadtzeitung" nannte.

Einer davon war ein gewisser "Rudi Hurzlmeister", der am 17. August 82 bereits frühmorgens vor dem längst noch geschlossenen Redaktionsbüro nahe der Leopoldstraße herumstolperte und lauthals schrie: "Wann macht denn der Scheiß Chinesische Turm im Englischen Garten endlich auf, ich will mit dem Bergstoiber Meßlattner eine Weiße saufen und ihr gebt mir bitte die 78 Mark dafür! Hört ihr mir überhaupt zu? Ich mal euch doch die vielen brunzblöden Bilder, verdammtnochmal!!!"

Nö. Da konnte ja keine Antwort kommen. Alle lagen ja noch selig im Koma (Türkenstraße, Ecke Schellingstraße, aber da bin ich mir schon garnicht mehr sicher).

Am folgenden Montag und darum gehts ja, schrieb eine gewisse Frau Sätzer zwischen die Zeilen in den Kleinstanzeigen:

"Hurzlmeier, du Rindvieh. Komm abends ab 6 zur Sätzerin in den Englischen Garten hinten bei den Schwänen. Ich bin die Frau, die hier den Bleisatz auf die Reihe bringen muß. Und du der Idiot mit der Feder voller Tusche. Vielleicht kriegen wirs zusammen gebacken?"

Wie die Geschichte ausgegangen ist, kann ich kaum ahnen. 25 Jahre sind so alt her.

Aber - und darum geht es mir ja in diesem kleinen Winkel im Interdings: wenn ich seither Setzer, Setza, sezza oder Sezza höre, fällt mir diese hoffentlich glückvolle Setzerin bei der Mynchner Stadtzeitung ein.

Möge sie dort hinten bei den Schwänen nahe des Seerestaurants die Liebe ihres Lebens gefunden haben.

Zur etwa selben Zeit war ich als Reisender dort. Ich habe nichts gefunden außer einem Pappbecher, der sich im See dreehte und einer Gastronautik, die ich bald darauf Richtung Pisa wieder verlassen habe.

Dort aber sitze ich am Platz voller Wunder, also dem deutschen "Piazza dei Miracoli" womöglich heute noch und staune über alles. Besonders darüber, daß es die wundervoll-weltweiten Fotografieridioten immer noch nicht geschafft haben, unseren ein klein wenig schrägen Turm geradezurücken.

ettoreschmitz hat gesagt…

Zeitlich überschnittene Kommentare haben ja auch was.

Ich schmeiß mich in den Graben!

(Und 500 dort drüben gibt weit über alles hinaus ein Feuerwerk wie unglaublich!)

undundund hat gesagt…

completely off-topic:

manchmal wäre ich gern in besitz einer dechiffriermaschine.

Setza hat gesagt…

A)
Also.
Mit Verlaub.

Ich würde ja nicht im Traum auf den Gedanken kommen, freiwillig zu erzählen, was mir bei Schmitz alles so einfällt, ohne dass mich wer mit vorgehaltener, geladener, geputzter und ensicherter Waffe dazu zänge.

B)
Der Mensch irrt ja, so lange er lebt. Erfuhr er erst neulich wieder. Ob er auch täuscht, so lange er lebt, muss er mal in Ruhe bedenken.
Zumal sich.

Setza hat gesagt…

[Kommentarreparatur]

Setza hat gesagt…

C)
Soll man von dem Baker eigentlich dieses Buch über die nächtlichen Telefonate - sagen wir ruhig vergleichend - lesen? Ist das beschmunzelnd?!?

Pe hat gesagt…

Wer gut durch Portnoy durchgekommen ist, wird auch an Vox sein Vergnügen finden.