17.04.06

Achselschweiß auf Ameland

Als ich am Sonntag wieder einmal durch die Nachbarschaft schritt, vorbei an dem kackenden Keramikhund und die Straße mit den pittoresken Altbauwohnungen entlang, fiel mir wieder ein, wie ich mit Hilfe des Schreitens die Kinderferien überlebt habe.

Es war Sommer, und ich war ungefähr zwölf Jahre alt. An der Bude gab's Mini Milk für 15 Pfennige (das, liebe Kinder, war die Währung, die wir vor dem Euro-Cent hatten). Die reichlich naseweiße Anke Engelke moderierte das Kinder-Ferienprogramm im ZDF, und genau damit wollte ich mich in den Sommerferien ausgiebig, wenn nicht gar ausschließlich beschäftigen. Leider war die gestrenge Frau Mama in diesem Punkt ganz anderer Ansicht: Das Kind braucht frische Luft, und zwar viel davon, und zwar Seeluft. Als ich dann fertig war mit dem Fußaufstampfen, saß ich auch schon im Bus nach Ameland. Ohne Eltern, dafür aber mit vierzig Kindern, denen Zurückhaltung und Anstand weder angeboren noch beigebracht worden waren, und Betreuern, die keinesfalls den Eindruck erweckten, sie könnten mich vor dieser Freizeitguerilla in irgendeiner Weise beschützen.

Eines der wichtigsten Accessoires meiner Kindheit war mein ockerfarbener Poncho. Ohne den habe ich den Tag erst gar nicht angefangen. Der Poncho war jedoch gar nicht ockerfarben, sondern golden, und es war auch kein Poncho, sondern ein Prinzessinnenumhang. Weil mir das aber niemand geglaubt hat, die gestrenge Mama nicht und auch die anderen Kinder nicht, war ich eine Prinzessin undercover. Die höfische Sitte erlaubte mir freilich keine ordinären Sandkastenspiele. Oder Matschweitwurf. Oder Kirschkernspucken. Stattdessen strich ich lieber die Ponchofransen glatt und gab Teeparties für meinen namenlosen Teddybären.

Auf Ameland waren wir in einem Gebäude untergebracht, das im Winter als Schweinestall diente. Und so roch es dort auch.

Das allerdings sollte sich später noch als einer der glücklicheren Umstände dieses Urlaubs herausstellen, nämlich als ich entdeckte, dass die Kammerzofe es nicht nur verabsäumt hatte, meinen güldenen Umhang in den Koffer zu packen, sondern dass auch Seife und Haarshampoo fehlten. Und ich würde sicherlich keines dieser entsetzlichen Kinder fragen, ob es mir aushelfen würde.

Nach drei Tagen wollte sich niemand mehr neben mich an den Frühstückstisch setzen. Das war mir ganz recht, denn das einzige, was mein Heimweh linderte, war - neben dem von den Betreuern verabreichten Baldrian - der Paprikaschmierkäse, den ich mir so mit niemandem teilen musste.

Nach dem Frühstück wurde gewandert, und zwar ohne Unterlass den ganzen Tag lang. Schon damals hielt ich jedwede Form körperlicher Ertüchtigung für unangemessen, sah mich aber gezwungen, mich dem Betreuerregime zu unterwerfen, wollte ich abends nicht auf die liebgewonnene Portion Baldrian verzichten. Also schritt ich los.

Bis zum späten Vormittag war ich stets das Schlusslicht der Gruppe. Die anderen Kinder preschten voran, machten dann wieder kehrt, statteten mir einen kurzen Besuch ab, um ein paar abfällige Worte über mein inzwischen intensives Odeur zu verlieren, und liefen wieder voraus.

Ich hatte für solche Albernheiten keine Zeit. Ich war mit dem Schreiten beschäftigt. Zwei Schritte, ein Atemzug. Einatmen, linker Fuß, rechter Fuß, ausatmen. Das Knirschen der Steinchen unter meiner Schuhsohle. Die Butterblumen links und rechts des Weges. Fühlen, wie die Zeit vergeht. Einatmen. Ausatmen. Schreiten.

Irgendwann so um die Mittagszeit wendete sich das Blatt. Die anderen waren vom vielen Laufen erschöpft, am frühen Nachmittag sogar so sehr, dass ihnen keine Gemeinheiten für mich mehr einfallen wollten. Ich schritt ungerührt weiter.

Abends war ich eine halbe Stunde vor dem Plebs zurück im Schweinestall und hatte bereits weite Teile des Paprikaschmierkäses vernichtet, noch bevor einer meiner widerwärtigen Stallkameraden die Nase rümpfen konnte.

Ich erinnere mich dunkel, dass eine Schulfreundin mich auf die Reise nach Ameland begleitete. Die war groß und dünn und fand meinen Poncho schon immer doof. Leider habe ich sie während der gesamten Sommerferien nicht ein einziges Mal gesehen. Sie war mit der Seife durchgebrannt.

Kommentare:

Setza hat gesagt…

Anke E. hätte das ZDF geschmissen, hätte sie ahnen können, was da abgeht in Ameland.

Mir schwant, die gestrenge Frau Mama setzte seinerzeit (ihrerzeit?) noch eine gewisse Hoffnung dahinein, dass das geliebte Kind über die olfaktorischen Hürden - die sie selbst miterrichtet hatte - hinaus ungebremst liebreizend sein möge und an den Seifenvorräten Dritter ihren Anteil haben würde. Schließlich musste der Ferienaufenthalt irgendworher finanziert werden...

Dass diese Pe-Charakterfestigkeit so früh schon unangefochten bleiben würde, konnte selbst sie nicht ahnen.

500beine hat gesagt…

schritte zählen, das hilft fürs leben. acht, neun, aus.

Anonym hat gesagt…

Pe. Du bist einfach... atemberaubend.
Verdammt. Atemberaubend. Immer. Wieder.

Pe hat gesagt…

Isgut, Schmitzi. Krieg dich wieder ein.

Anonym hat gesagt…

Nö.

Pe hat gesagt…

Ach, Scheiße. (Früher wäre mir das nicht passiert.)

sunking hat gesagt…

Wunderbar geschrieben, liest sich toll. Du hast Talent. Bin begeistert.

Pe hat gesagt…

Och. Danke!