29.07.06

Roger glaubt, ich würde glauben, er müsse das wissen

Das letzte Mal, als mich der Verlauf eines Gesprächs über alle Maßen verblüffte - das kommt nicht etwa daher, dass ich überdurchschnittlich begabt in der Vorhersage von Gesprächsverläufen bin, das bin ich nämlich nicht, vielmehr führe ich meist langweilige, vorhersagbare Gespräche, was aber keineswegs an mir liegt, mit mir selbst führe ich nämlich ganz wunderbare Gespräche -

(In letzter Zeit erhalte ich häufig Zuschauermails, in denen ich gefragt werde, Pe, werde ich gefragt, wie ist das eigentlich, wenn man sich so in Rage schreibt? An dieser Stelle sei verraten: Wenn ich mich so richtig in Rage geschrieben habe, so wie eben, und mir dann eine kleine Pause gönne, so wie jetzt gerade, dann atme ich deutlich hörbar aus: Phiui. Die Tastatur atmet ebenfalls deutlich hörbar aus.)

- also, mit mir selbst führe ich stets wunderbare Gespräche. Aber das ist gar nicht das Thema, eigentlich wollte ich von dem verblüffenden Dialog mit Roger Willemsen erzählen, in den ich, wie man ja weiß, unsterblich verliebt bin. Das hat im Gesprächsverlauf nur meine Wangenfarbe, nicht aber meine Verblüffung beeinflusst.

Man stelle sich also vor: Eine Buchhandlung, darin ich und - das ist das Besondere - auch Roger Willemsen. Das Erstaunen lässt nach, wenn man weiß, dass ich vor einer Weile eine geräumige Summe Geldes ausgegeben hatte, um während der Lesung, die sogleich stattfinden würde, mein Dasein in der letzten Reihe neben zwei Latzhosenträgerinnen fristen zu dürfen ("Wenn gleich die Zuschauerfragen kommen, gehen wir knallhart auf Guantanamo!").

Die Latzhosenträgerinnen konnten nicht nur jede Zeile des Vortrags lippensynchron mitsprechen, sie hatten sich auch Verpflegung mitgebracht. Ich verdämmerte die Zeit bis zum Lesungsbeginn neben Graubrot und Apfelschnitzen. Tatsache, Apfelschnitze. Mit Zitrone beträufelt, damit sie nicht anlaufen. Sicherheitshalber kontrollierte ich die Eintrittskarte. Aber dort stand nichts von Elternabend.

In den folgenden eineinhalb Stunden bemühte ich mich mit bemerkenswerter Erfolglosigkeit darum, einen Blick auf die Bühne zu erhaschen, so dass wir getrost vorspulen können, und zwar zu dem Moment, wo ich in der Signierschlange stehe und gleich dran bin.

Das ist der Moment, der eine Moment, auf den ich mich während des Heranwachsens vorbereitet habe: Was ich tun würde, wenn ich Michael Jackson oder sonst eine Berühmtheit treffe. Das mit Michael Jackson habe ich mir inzwischen anders überlegt, aber ansonsten habe ich in den endlosen Stunden juveniler Ereignislosigkeit alle in Frage kommenden Handlungsalternativen durchgespielt und die perfekte Strategie ausgearbeitet.

Ich trete zum Tisch vor und lächle. Ich lächle sehr. Roger Willemsen lächelt ebenfalls. Wir lächeln, und nachdem wir einander fünf Sekunden lang von der Leistung unserer Dentisten überzeugt haben, hebt er eine Augenbraue, jetzt ist der Moment, in dem ich meinen Signierwunsch vortragen darf.

"Für Pe."
"Mit H oder ohne H?"
"Ohne H."
"Sie glauben wohl, ich müsse das wissen."
"???"
"Sie meinen bestimmt, wenn ich Sie nur richtig anschauen würde, beispielsweise im Gesicht, müsste mir doch klar werden: ohne H. Pe mit H für eine Frau wie Sie. Das ist doch völlig unmöglich."

Und so erfuhr meine Strategie eine Erweiterung: Signaturen immer ohne Widmung verlangen.

Kommentare:

fagga hat gesagt…

Also, ich hab da jetzt den Clou gar nicht verstanden, glaub ich. Bitte um Hinweise.

Pe hat gesagt…

Erklärte Pointen sind ja noch doofer als gar keine Pointen. Außerdem, wenn ich mir das noch mal durchlese, glaube ich fast, es gibt gar keine Pointe.

Setza hat gesagt…

Schon fein.
Das soll Dir mal wer nachmachen.

Anonym hat gesagt…

Wenn man in Konglomerate aus Geist und Antlitz verliebt ist, sollte man sich dort keine Unterschriften holen. Der Zielrichtungstremor, den man ja von ansonsten super Päpsten in ihren letzten Wallungen mehr als nur kennt, der manifestiert sich in derlei abschauerlichen Momenten innerhalb der eigenen cerebralen Wattierung. Wieso nicht direkt ein Kuss auf den Mund des Fremvertrauten?

Soll heissen: die Liebe bleibt. Ungeachtet. Aller Widrigkeiten. Unerfüllt quasi.

Und mit ihr die Eifersucht.

Der Einzelmensch aber geht hernach auf die eine oder andere Art nach Hause, ungeachtet aller dentaler Segnungen. Und beisst irgendwann, wenn nicht gleich in die bodendeckende Vegetation, so zumindest doch in ein Stück Holz.

Was ein Segen. Was ein Elend. Ach P.

viktorhaase hat gesagt…

roger willemsen. aha. ich hoffe, wenigstens sein zahnarzt ist sein geld wert.

Pe hat gesagt…

Aber ja! (Die Lesung auch.)

Mephistascripts hat gesagt…

Wie geil! Nachdem ich "Gute Tage" und einen 4-stündigen Brunch mit einem Typen hinter mir habe, in den ich mich einfach nicht verknallen kann, obwohl er laut Aussage vieler Freunde (die mich sogar persönlich kennen) absolut perfekt für mich ist, also nach all dem, was hier gerade überhaupt nicht hingehört,
konnte ich grad beim Lesen endlich mal wieder so richtig laut lachen.
Bedankt!

Roger B. Nigk hat gesagt…

Puh, kurz dachte ich du meinst mich...
Super Text jedenfalls! :D