09.07.06

Während der Inhaber meines Stammitalieners (fortan: Stammitaliener) die Pizzabrötchen in den Ofen schiebt, stehe ich herum. Herumstehen ohne dabei blöde auszusehen ist ja eins der schwierigsten Dinge überhaupt, also bin ich wahnsinnig konzentriert und erschrecke, als er mich anspricht.

Er sei gestern seit Jahren das erste Mal ausgegangen und habe heute einen ziemlichen Kater. Oh. Ah. Aha. Hm. Nein, dazu fällt mir wirklich keine pfiffige Entgegnung ein. Pfuh. Ich bewege den Kopf auf eine Weise, wie ich mir ein verständnisvolles Nicken vorstelle, und fahre mit dem Herumstehen fort.

In der Küche arbeitet der stark unterbezahlte Mitarbeiter pseudoitalienischer Abstammung (fortan: Küchentier) wie besessen an meinem Salat. Er putzt und raspelt Möhren, vierteilt Tomaten, schnippelt die Gurke in erfreulich dicke Scheiben und brät die Putenbruststücke. Wie ich später noch feststellen werde, wirft er als Bonustrack ein paar Auberginenscheiben mit in die Pfanne. Zwischendurch streckt er den Kopf aus dem Wandloch, durch das ich sonst nur seine Hände sehe, und will wissen, mit welchem Dressing ich den Salat möchte. "Vinaigrette, Mensch!", schnauzt der Stammitaliener, das Küchentier hat mit der direkten Kontaktaufnahme offenbar seine Kompetenzen überschritten.

Ein Schweißtropfen, der zwischen meinen Schulterblättern entlang- nein, nicht -rinnt, als Rennen kann man das wirklich nicht bezeichnen, eher als Schlendern, aber so ein frauliches Schlendern mit diversen Pausen vor den Schaufenstern, das macht mich ganz wahnsinnig, der Schweißtropfen also, der sehr fraulich zwischen meinen Schulterblättern entlangschlendert, stört meine Konzentration erheblich, und wahrscheinlich sehe ich jetzt doch ziemlich blöde aus beim Herumstehen.

"... der eine ist fünftürig, der andere ist ungefähr so breit." Oh. Über meiner kleinen Schweißmeditation habe ich Gesprächsteile verpasst. Der Stammitaliener macht eine Pause und zeigt mit den Händen vielleicht dreißig Zentimeter. Leider weiß ich überhaupt nicht, was jetzt von mir erwartet wird. Ich probiere es mit einem vielsagenden Blick. Keine Reaktion. In diesem Moment lasse ich alle Hoffnung fahren, einen charmanten oder intelligenten Eindruck zu machen, und werfe den Rettungsanker. Ich reiße die Augen auf und staune: "Echt?!" Der Salat soll endlich fertig werden, verdammte Scheiße!

"Ja, meine Frau hat so einen Tick, die muss sich zu jeder neuen Klamotte passende Schuhe kaufen. Und eine Handtasche! Und manchmal, wenn ihr ein Schuh gut gefällt, kauft sie ihn in mehreren Farben, auch wenn sie dazu noch keine passenden Anziehsachen hat. Über hundert Paar hat die. Das muss man sich mal vorstellen!" Wie er es geschafft hat, das Gespräch in etwa zwei Minuten geistiger Abwesenheit auf seine innenausstatterischen Probleme zu lenken, ist mir ein Rätsel. "Und wissen Sie, was das Schlimmste ist?" Ich habe keine Ahnung und will es auch nicht wissen. Aber das zählt wohl gerade nicht. "Das Schlimmste sind diese Schuhe, die vorne so spitz sind." Ich schaue auf meine Füße, er schaut auf meine Füße.

"Sagen Sie, wie machen Sie eigentlich diese wunderbare Vinaigrette?"

Kommentare:

viktorhaase hat gesagt…

demütigungen rund ums essen. juchuuuu. wer macht noch mit.

danke schön.

Pe hat gesagt…

Apropos Demütigungen. Du hast meine Forderung zum Freundschaftsspiel abgelehnt, du Sau.

viktorhaase hat gesagt…

schick noch mal. sag mir wer du bist, bzw. welche mannschaft!!

Pe hat gesagt…

Nächste Woche, Hase. Und wenn du ein bisschen aufpasst, wird dir etwas am Vereinsnamen seltsam bekannt vorkommen.

Zeigefinger hat gesagt…

Wieder eine gelungene Episode aus Deinem Leben. Mehr davon..!

Setza hat gesagt…

-> Finger
Du weißt schon, worauf Du Dich da einlässt?!

Pe hat gesagt…

Auf gelungene Episoden aus meinem Leben halt.

Mlle Händel hat gesagt…

Ja, und wie geht jetzt die Vinaigrette?

Pe hat gesagt…

Das ist Bestandteil des Spannungsbogens.

Setza hat gesagt…

Spannungsbogen. Papperlapapp.

Ich blicke seit Längerem auf den Text wie auf ein Vexierbild und frage mich, was soll ich eigentlich sehen?

Ha!

Sie will uns eigentlich mitteilen, dass sie aus bisher noch nicht aufgedeckten Gründen zwar einkauft beim Stammitaliener, da aber nicht auch aufisst. Das tut sie dann anderswo.

Es geht nämlich gar nicht um die Vinaigrette.

Überhaupt gar nicht.

Pe hat gesagt…

Stimmt. Es geht um meine Schuhe.

Setza hat gesagt…

Immer das letzte Wort.

Pe hat gesagt…

(Gar nüch!)