03.10.06

Wegstreichpony

Eine Mode, deren Sinn sich mir trotz intensiven Nachdenkens nicht enthüllen will, ist der Wegstreichpony. Den findet man derzeit häufig an Mädchen, die kurz vor ihrem zwanzigsten Geburtstag stehen, aber auch an Sarah Kuttner.

Der Wegstreichpony ist ein ganz normaler Pony, der aussieht, als hätte er schon vor sechs Wochen dringend nachgeschnitten werden müssen. Er ragt deutlich über die Augenbraue herüber, bei Hardcore-Wegstreichponyträgerinnen darf der Wegstreichpony, zu voller Länge herabgekämmt, sogar den Augapfel kosen. Trotz der Länge ist der Wegstreichpony nicht dazu gedacht, eine buschige Augenbraue oder eine schmutzwasserfarbene Iris zu bedecken oder gar das Schummeln bei der Klassenarbeit zu erleichtern. Der Wegstreichpony wird zur Seite gekämmt und tüchtig eingekleistert, so dass er, einen Bogen beschreibend, trotz der Überlänge oberhalb der Augenbraue zu sitzen kommt. Das sieht dann ein bisschen so aus wie Omas Spitzenstores, die mit purer Gewalt, einem Stoffband und einem Knauf an der Fensterseite gerafft wurden.

Weil die Wegstreichponys im Gegensatz zu Omas Gardinen aber keinen Raffknauf haben, genügt häufig schon ein Windhauch oder ein Mundwinkelzucken, um das fragile Ponykonstrukt zu Fall zu bringen. Spraygehärtete Haarspeere gehen rund ums Auge nieder und verursachen zum Teil schwere Verletzungen. Daher ist die Wegstreichponyträgerin im Rahmen der Gefahrenabwehr beständig damit beschäftigt, sich den Wegstreichpony in Position zu streichen. Je nach Gesichtsaktivität und Wetterlage passiert das etwa zwei- bis sechsmal die Minute.

Wer schon einmal probiert hat, während des Saltoschlagens eine Rechenaufgabe zu lösen, beispielsweise zweihundertsiebenundneunzig geteilt durch dreieinhalb, dem ist aufgefallen, dass mit erhöhter körperlicher Aktivität die geistige Spannkraft deutlich nachlässt. Und so ist es dann auch: Eine ponywegstreichende Wegstreichponyträgerin ist zumindest für die Dauer des Ponywegstreichens zu keinem klaren Gedanken in der Lage. Tragisch, weil die meisten trotzdem reden.

Auch psychologisch setzt die Wegstreichponyträgerin ungünstige Signale. Von zwei okayen Alternativen, nämlich ein Pony oder kein Pony, entscheidet sich die Wegstreichponyträgerin stets für die nicht vorgesehene dritte, was nicht weiter schlimm wäre, wenn es nicht die mit Abstand schlechteste Wahl wäre.

Und deshalb rufe ich euch zu, liebe Mädchen unter zwanzig und Sarah Kuttner: Glaubt an euch! Unterdrückt euer intellektuelles Potenzial nicht länger! Lasst euch den Pony wieder schneiden! Und hört ausnahmsweise auf eure Eltern. Es sieht wirklich beschissen aus.

Kommentare:

500beine hat gesagt…

wegstreichpony! drahthaarkaltblut!was heutzutage alles ausbricht aus dem tiergarten!

(bin übrigens empört, dass du nicht auf meiner linkliste steht! gestanden hast! hattest!)

Zeigefinger hat gesagt…

auch 20 mal in der minute. je nach windrichtung. mindestens. meine ex hatte einen wegstreichpony, der zu der halblangstudentinnenfrisur paßte. da will man doch aus mitleid schon die schere ansetzen..

nach langer zeit wieder mal ein toller text, den man ohne magister in germanistik versteht. hammer, weiter! mehr!

Setza hat gesagt…

Mal abgesehen davon, dass das freilich alles Geschmackssache ist.
Aber der Text gehört den Herren Nobel, Büchner, Pulitzer oder der Dame Bachmann oder so unter die Nase gerieben.

Da beißt die Maus keinen Faden ab.

[Bin ein wenig auf die Kommentare aus den vermeintlich befreundeten Blogs gespannt...]

Pe hat gesagt…

Seltsam, seltsam. Ich habe nämlich gar keinen Magister.

Fjaellet hat gesagt…

ich weiß nicht, ob es liebe ist

Looza hat gesagt…

ich weiß nicht, was liebe ist.

Pe hat gesagt…

Ich weiß nicht, was ihr meint.