11.02.07

Tittenlöcher am Golf von Sorrent

Als Kind mochte ich keinen Alkohol. Mein Großvater war aber der Ansicht, mit Kaffee und Alkoholismus könne man nicht früh genug beginnen, also machte er sich bei jeder Familienfeier über mich lustig. Seine Frau, die ihn immer ernster nahm als ich, wurde später gelb und starb.

Am Golf von Sorrent lernte ich die sedierende Wirkung von Alkohol zu schätzen. Die Fahrt mit vierzig Oberstufenschülern brachte nicht nur die Technik an ihre Grenzen. Nach zehn Stunden stellte der Busfahrer alle Kommentare zum Alkoholkonsum ein. Nach siebzehndreiviertel Stunden ließ das Lehrpersonal jede Hoffnung fahren und partizipierte fortan von den Schnapsvorräten. Als zwei Jungs versuchten, die Busbar aufzubrechen, protestierte der Fahrer nur noch schwach. Mit einigem Bedauern stellte ich fest, dass ich meine Taschenguillotine daheim vergessen hatte.

Als wir aus dem Bus stiegen, glaubte ich, das Schlimmste hinter mir zu haben, jedoch:

- Ich war zusammen mit meiner dicken Freundin S. - einige Jahre später sollten wir die Figuren tauschen, aber das wusste ich damals noch nicht - in den Bungalow der Unbeliebten abgeschoben worden. Ich hielt das nur kurz für ein Versehen.
- Wir teilten uns den Bungalow mit den blöden Hygieneschnepfen.
- Das Bad lag direkt neben meinem Zimmer.
- Es wurde jeden Morgen ab halb fünf geduscht, und zwar in einem fort bis zum frühen Nachmittag.

Am zweiten Tag durften wir das tun, weswegen ich überhaupt nur mitgefahren war, nämlich an den Strand gehen. Das Meer kannte ich bis dahin nur von Postkarten. Trotzdem war ich bestens vorbereitet. Mit zwei Badeanzügen, Handtüchern mit Coca-Cola-Logo drauf, einem Taschenbuch, einem Walkman, einem Notizbuch für Lyrikanfälle, Bleistiften, Kugelschreibern, Ratzefummel, Fettstift für die Lippen, Sonnencreme und Haarspangen bewaffnet strebte ich dem Strand zu. Dass wir da waren, erkannte ich daran, dass mir das Meerwasser über die Knöchel schwappte. Hinter mir, neben mir und vor allem unter mir: Steine. Nirgendwo: Sand. Wenn gerade keine Steine zu sehen waren, lag das daran, dass sie von Algen überwuchert waren. First Class sah anders aus.

Ich arrangierte mich mehr schlecht als recht mit der Situation, indem ich mir zusammen der dicken S. ein möglichst bequemes Loch grub, das wir mit unseren Badetüchern aus- und in das wir unsere Hintern hineinlegen konnten. Die Mädchen, die sich Tittenlöcher in den Steinstrand gruben, erregten mehr Aufmerksamkeit bei den Jungs, angesichts der konservativen Hygieneschnepfen sparte ich mir das aber lieber. Das war also der beste Teil des Urlaubs.

In der italienischen Hölle gab es einen Ort des Trostes, und der befand sich dreißig Treppenstufen oberhalb der Feriensiedlung: Ein Krämerladen, dessen Inhaber es mit Alkohol, Tampons und dem einzigen Münzfernsprecher der gesamten Ferienanlage zu mafiösem Reichtum gebracht hatte. Dort versorgten die dicke S. und ich uns jeden Abend mit Lambrusco. Den gab es in 2,5-Liter-Flaschen mit Tragegriff zu umgerechnet je drei Mark.

Am ersten Abend glaubte ich, blind zu werden. Am zweiten Abend torkelte ich zwischen den Bungalows umher und bat um Asyl. Am dritten Abend initiierte ich einen Sitzstreik unter der Dusche. Am vierten Abend gingen wir noch mal los, um uns Lambrusco-Nachschub zu holen. In der letzten Nacht ging ich mit der dicken S. zum Strand. Wir legten uns auf ein Tittenloch und johlten, was für armselige Gestalten das wohl sein mögen, für die ein solches Müldchen ausreiche.

Soweit ich das heute sagen kann, habe ich von diesem Urlaub keine Schäden zurückbehalten. Nur eine Abneigung gegenüber Steinen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Da ist sie wieder. Zweimal hintereinander sooo schön, daß es mancherlei kräuselt.

Du gehörst geküßt,Pe.

Pe hat gesagt…

Das finde ich aber auch.

Burnster hat gesagt…

Malerisch!

Pe hat gesagt…

Das andere gefiel mir übrigens besser.

kid37 hat gesagt…

Da kann ich jetzt nicht mithalten und sage spröde: schöner Text! So it die Klassenfahrthölle. Überall.

Zeigefinger hat gesagt…

Ich habe den Strand vor mir gesehen. Verfilmen..!
(Wie macht ihr das mit dem Figurentausch?)

Pe hat gesagt…

"Ach komm", hab ich zur dicken S. gesagt, "nimm du. Ich kann meine schmalen Hüften nicht mehr sehen."

blue sky hat gesagt…

War das diese kleine Blockhüttenanlage direkt oberhalb von Sorrent? Da war ich nämlich auf meiner Klassenfahrt, und ich kann bestätigen, dass alles genau so war. (Bis auf die Tittenlöcher vielleicht, das weiß ich nicht mehr so.)

Pe hat gesagt…

Genau das war die. Vielleicht haben die, die nach uns kamen, gar keine Tittenlöcher mehr gegraben. Das weiß ich freilich nicht.

Wochenende hat gesagt…

..sehr schön!

Bünni hat gesagt…

steine am strand sind so unnötig wie stechfliegen

Astrid über die Sorrent Erinnerungen hat gesagt…

Such dir einen verleger und mach das Schreiben bitte zum Nebenjob! Wnderbar :-)
LG, Astrid über die Sorrent Erinerungen