04.11.06

Wenn ich erzähle, dass ich nicht gerne Kleidung kaufen gehe, ernte ich einerseits Befremdung (Männer) und andererseits pure Fassungslosigkeit (Frauen und Schwule). Dabei finde ich neue Kleider super, aber das Anprobieren verdirbt alles.

***

Ich strebe mit dem Kleidungsstück meines Vertrauens auf die Umkleidekabinen zu. Etwa zehn Meter vorher pralle ich auf das Ende der Warteschlange. Das macht nichts, für solche Fälle führe ich ein mobiles Musikabspielgerät mit geräumigem Speicher bei mir, und nachdem alle Lieder dreimal wiedergegeben wurden, bin ich auch schon an der Reihe.

Ich tue einen Schritt in die frei gewordene Kabine, stolpere und falle nur deshalb nicht hin, weil der Innenraum gerade mal ausreicht, den Arsch einer wintereinbruchsgeschwächten Biene unterzubringen. Während ich mich mühe, meine Stirn von der Kabinenrückwand zu lösen, klopft die Schwingtür ein lustiges Lied auf meinem ungleich größeren Hinterteil. Wobei dieses Stück Sperrholz, das mir von den Achselhöhlen bis knapp unter die Schamgrenze reicht, die Bezeichnung Tür wirklich nicht verdient hat.

Zu meinen Füßen sehe ich den Grund für meine missliche Lage: ein Kleidersee. Anprobierte, unpassende und achtlos zurückgelassene Kleidungsstücke. Knöchelhoch an meinen Füßen. An der Rückwand brandet eine kniehohe Kleiderwelle. Relikte der Enttäuschung. Denkmal der Eile. Mahnmal der Faulheit.

Zur gleichen Zeit formiert sich erster Protest in meinem Rücken. Eine Frau aus dem ersten Drittel der Schlange proklamiert, was sie heute alles noch erledigen muss und dass sie keinesfalls vorhat zuzusehen, wie ich in der Damenumkleide meinen Winterschlaf halte. Zustimmendes Gemurmel von weiter hinten. Erste Sprechchöre formieren sich. Ich stehe immer noch im Kleidersumpf und habe mir noch nicht einmal die Jacke ausgezogen. Wenigstens lässt der Schmerz an meiner Stirn allmählich nach. Dafür bricht mir der Angstschweiß aus. An eine Anprobe denke ich schon gar nicht mehr.

Ich entschließe mich zum Rückzug. Aber dafür muss ich mich erst mal umdrehen. Bereits mit dem ersten Wendetrippeln klammern sich verzweifelte Hemdsärmel an meine Knöchel, krallen sich Gürtelschlaufen verwaister Strickjacken an meinen Absätzen fest. Weitertrippeln. Jetzt bloß nicht weich werden.

Mit letzter Kraft schaffe ich die Wende. Ich stoße die Kabinentür auf. Siegesfäuste werden geschüttelt. Ich schleppe mich an der Menschenmenge vorbei und eine zwei Meter lange und sechs Pfund schwere Patchwork-Schleppe hinter mir her.

"Hurra!"
"Wird aber auch Zeit!"
"Nimm den restlichen Scheiß aus der Kabine auch noch mit!"

Ich spüre: hier gilt kein Gesetz mehr, an diesem Ort hat der Rechtsstaat keine Bedeutung. Mich durchfährt ein Schauder, und ein bisschen weinen muss ich auch. Ich strauchele, falle diesmal und krieche weiter. Nach und nach lassen die fremden Kleidungsstücke von mir ab. Und irgendwie schaffe ich es nach draußen.

***

Ich kaufe meine Kleider, ohne sie vorher anprobiert zu haben. Fast alle sind mir zu groß oder zu klein oder beides gleichzeitig, aber an unterschiedlichen Stellen. Mir doch egal.

Kommentare:

Setza hat gesagt…

A) Mitgefühl.
B) Ich rate Dir, das Ganze endlich umzudrehen und die Einkaufseinrichtung grundsätzlich nur noch wegen der wundervollen Gespräche in der Warteschlange und mit den BedienungsmitbürgerInnen zu betreten; sie werden die Dinge am Boden vor Dir ausbreiten, Prosecco zum Beratungsgespräch reichen und besorgt schauen, wenn es irgendwo kneift...
Ganz, ganz bestimmt.

Fjaellet hat gesagt…

mahnmale der faulheit? du malst ja mahn!

Pe hat gesagt…

Manchmal geht's mit mir durch.

Mob hat gesagt…

Beim nächsten Mal kommst Du nicht so gimpflich davon!!!

Schwarzes Schaf hat gesagt…

Ha! Begeisterung. (Schafe)

Pe hat gesagt…

Versteh ich nicht.

Schwarzes Schaf hat gesagt…

Öh. Wenn ichs erkläre, ist es noch unerheblicher.

Freitag hat gesagt…

Das Spiel der Worte - Du beherrschst es meisterlich, Pe. Wünsche mir unendliche Verlängerung.

Pe hat gesagt…

Und das am Montag.

Freitag hat gesagt…

Ha, ha! Den habe ich ja noch nie gehört. Jedenfalls seit gestern nicht mehr.