15.02.07

Sechs Geheimnisse feat. in die Windel geknöpft

Da fragt einer: Liebe Pe, was hast du uns bislang verschwiegen? So einiges, antworte ich, so einiges.

Bis zur dritten Klasse glaubte ich, die Seele sei ein Organ, das ungefähr so aussieht wie eine Wurzel.

Etwa zur selben Zeit war ich der Ansicht, Englisch sei eine Geheimsprache der Erwachsenen, um über Kinder zu lästern. Erst sang mir mein Vater jeden Abend "Mull Of Kintyre" vor, und als ich ungefähr sechs war, verließ er uns.

Ich mag meine Leberwurstbrote gerne mit einem Klecks Marmelade drauf. Und auf die Käsebrote kommt frisch gemahlener Pfeffer.

Um mich zu entspannen, starre ich. Das hat mir schon einigen Ärger eingebracht.

Ich fürchte mich davor, mich aus der Wohnung auszusperren. Das ist vielleicht nicht die schlimmste meiner allgegenwärtigen Ängste, aber in den Top 5 ist es schon. Die Nachbarn, die mich schon mal beobachtet haben, wie ich meine Wohnung verlasse und nach dem Schlüssel taste, bevor ich die Tür zuziehe, noch mal nach dem Schlüssel taste, den Schlüssel vorsichtshalber raushole, mit dem Schlüssel klimpere, um eine arglistige Täuschung durch das Monatsticket auszuschließen, das vielleicht Holokräfte besitzt, bekanntlich aber nicht klimpern kann, die Nachbarn, die das alles beobachtet haben, halten mich für bekloppt. Sogar der Nachbar, der beim Baden seine Wohnungstür offen lässt.

Ich habe an der Außenseite meines rechten Oberschenkels, da, wo ganz früher, als der Beinausschnitt noch nicht erfunden war, ganz zu schweigen vom Stringtanga, also, an der Außenseite des rechten Oberschenkels habe ich einen roten Knubbel. Um den zu erklären, muss ich ein bisschen ausholen.

Ich wurde ja nun schon vor einiger Zeit geboren, und wie das so ist, damals gab es einige Dinge noch nicht. Zum Beispiel Milchaufschäumer für unterwegs, aber auch Wegwerfwindeln. Die gestrenge Frau Mama wusch Tag um Tag meine besudelten Frotteewindeln. Das und viele andere Dinge ertrug sie mit einer Würde, die sich mir bis heute nicht erschließt. Zur Belohnung war ich als Baby nicht nur goldig, sondern auch phlegmatisch. Ich schlief gerne, besonders nachts, ich brüllte nicht, ich aß alles, was kleingemanscht auf einem Löffel daherkam.

Eines Tages, die gestrenge Frau Mama wechselte gerade meine Frotteewindel, da klingelte das Telefon. Das war damals nämlich schon erfunden. Ich war auf dem Wickeltisch mal wieder halb eingeschlafen, und die gestrenge Frau Mama knöpfte die Windel rasch zu und nahm das Telefonat entgegen. Nach zehn Minuten kam sie wieder, und dass etwas nicht stimmte, merkte sie daran, dass ich an die Decke starrte, anstatt zu schlafen. Das Druckknopfmal an meinem Oberschenkel wird mich immer daran erinnern, wie die Gestrenge mich in die Windel knöpfte.

Kommentare:

undundund hat gesagt…

in der titanic gab es mal eine rubrik, so vorne, am anfang, in der kleine zeichnungen von der seele abgedruckt wurden. da war, glaube ich, auch so was wie eine wurzel dabei. man sollte vielleicht mal einen kleinen malwettbewerb über die seele ins leben rufen.

a propos leber: leberwurst mit marmelade ...

Pe hat gesagt…

Was gibt's denn daran auszusetzen?

undundund hat gesagt…

also ich find´s kurios.

Pe hat gesagt…

Das war doch die Aufgabenstellung.

Setza hat gesagt…

A) Ich bin heute noch nicht im Klaren darüber, ob es ökologisch sinnvoller ist, Kinderscheiße aus wiederverwendbaren Stoffwindeln unter Einsatz vieler Kilotonnen frischen Wassers und dutzender Tonnen tensidhaltiger Waschmittel herauszuwaschen oder im Ergebnis des Hinwegrodens vieler hundert Quadratkilometer Regen- oder, bitte sehr, auch Thüringer Waldes entstandene Ferigwindeln in den Müll zur Selbstzersetzung zu befördern. Weiß das jemand?
B) Meine beiden Kinder werden diesen Druckknopf am Bein auch deshalb vermissen müssen, weil weiland in der DDR nicht gedruckgeknöpft sondern geknotet wurde; das, was wir um die Windel und das Kind drumrumwickelten, war im Grunde eine etwas dickere Frisch-(sic!)haltefolie ...

Oles wirre Welt hat gesagt…

Ich wurde klettverschlossen. Die Haut meiner Oberschenkel hat davon nichts mitbekommen.

Zeigefinger hat gesagt…

Tolles Stöckchen! Die Schlüsselmacke hatte ich auch mal, aber damals in der WG habe ich von innen an die Wohnungstür einen DINA4-Zettel angebracht, auf dem stand:

1. Keys
2. Wallet/Papers
3. Cellphone
4. Tobaccos/Lighter
5. Fuck off!

Und seit dem spule ich die Liste vor dem inneren Auge ab und habe alles dabei. Digitus Mortuus geht es seit dem genauso.

Pe hat gesagt…

Schnickschnack. Natürlich weiß ich, dass ich den Schlüssel eingesteckt habe. Aber es gibt so Momente, in denen mir Wissen zu virtuell ist.

undundund hat gesagt…

wo wir gerade beim thema "windel" sind; auch so ein generationen-merkmal: impfnarbe an der schulter oder nicht?

ps: "generation impfnarbe" - ein schöner buchtitel.

pps: "impfen" - ein merkwürdig wort. gibt es doch kein ampfen, ompfen oder umpfen, höchstens ein mampfen bzw. rümpfen.

schwester imken, bitte zum impfen!