12.03.07

Mehdorn, alter Kuppler!

Meine Oma ist eigentlich gar nicht meine Oma. Also, vom technischen Standpunkt aus. Vom technischen Standpunkt aus ist sie die Mutter des Mannes, den die gestrenge Frau Mama nach meinem Erzeuger geheiratet hat. Streng genommen hat sie nichts mit mir zu tun, das haben wir vor zwei Jahren am Heiligabend mal erörtert, und anschließend war die Festtagsstimmung im Arsch.

Sie hat ein halbes Dutzend Ehemänner überlebt. Nun, vielleicht nicht direkt ein halbes Dutzend, aber nahe dran ist sie schon. "Ich mag halt nicht gerne alleine sein", sagt sie und zuckt mit den Schultern. Und immer derselbe ist ja auch langweilig, füge ich in Gedanken hinzu. Womöglich bin ich ein bisschen neidisch auf ihren fast uneinholbaren Vorsprung. Ich hatte weder einen lebenden noch einen toten Gatten, nur einen Knutschfreund, der sich erhängt hat, aber da hatten wir schon längst keinen Kontakt mehr, das zählt wohl nicht.

Vorgestern in der Bahn. "Hier sieht's aber gemütlich aus", trötet er und lässt sich auf den Sitz neben mir fallen. Er hatte mich schon auf dem Bahnsteig angesprochen, wie spät es denn sei, aha, genauso spät wie auf der Bahnsteiguhr, dann hat der Zug ja schon ein paar Minuten Verspätung, immer dieser Mehdorn, und dann auch noch die Preise erhöhen. Jaja, hatte ich genickt und gehofft, ich würde ihn durch ein paar Zickzacks beim Einsteigen schon abschütteln.

"Was machstn heute Abend noch?" Ins Theater, sage ich, und das stimmt sogar. Er riecht nach Fahrradlenker und ungelüftetem Kleiderschrank, und ich rücke näher ans Fenster. Währenddessen treibt er die Konversation gnadenlos voran.

"Ich habe morgen einen Workshop in D."
"Hm."
"Bürgerfunk."
"Hm."
"Das sind diese Radiosendungen, wo jeder mitmachen darf."
"Hm."
"Sonst nehmen die beim Radio ja nicht jeden. Naja, jetzt mache ich diesen VHS-Kurs, und dann mal sehen."

Ich probiere es mit Körpersprache und verschränke die Arme vor der Brust. Gleichzeitig zwinge ich mich, ihn anzuschauen. Aber nicht in die Augen. Er sieht scheiße aus.

"Und du, was machst du so?"
"Hmverlag."
"Ach, das sieht man gleich, dass du bei den Medien arbeitest. Ich meine, du bist mir sofort aufgefallen, eben auf dem Bahnsteig. Da wusste ich gleich, dass du total offen undso bist."
"Ach."
"Sag mal, hast'n Freund?"
"Klaro."
"Ach, Mist. Sonst hätte ich jetzt gesagt: Nimm's leicht, nimm mich."
"Und du meinst, das hätte geholfen?"
"Mein Schwager hat meine Schwester aufgerissen mit dem Spruch: Willst du die Mutter meiner Kinder sein?"
"Oh. Das tut mir leid."
"Und?"
"Wie, und?"
"Na, willst du die Mutter meiner Kinder sein?"

In dem Moment denke ich an meine Oma und ihre Männer und wie ungerne sie alleine ist und wie schön sich bald alles fügen wird.

Kommentare:

undundund hat gesagt…

people all over the world
(everybody!)
join hands
(join!)
start a looove train, looove train
people all over the world
(all the world, now!)
join hands
(looooove ride!)
start a love train
(looooove ride!)


(von den o´jays, wo ich jetzt nicht genau weiß, ob die sich nach dem o.j. drüben in amerika benannt haben, der auch mal in den medien war, aber mit looove hatte das damals nichts zu tun, eher im gegenteil.

der texttourist hat gesagt…

Ich hatte vor ziemlich genau einem Jahr auch was mit dem Medium "Bürgerfunk" zu tun. Von wegen Ehrenamt und so. Eigentlich hatte ich mit Bürgerfunk nichts zu tun - ich durfte nur ein bisschen beim Schneiden der Audiospur zugucken und das war eine ziemlich eintönige Sache, wenn da nicht dieser Gewerkschaftsvorsitzender wäre, der nach der Tel.nr.ansage dreckig "Ruf mich an!" ins Mikrophon röchelte.

Musste natürlich geschnitten werden , klar. Keine Macht der Rüpelromantik.

Setza hat gesagt…

Danke Pe.
Was ist dies hier doch für ein fein ziseliertes Ikönchen des (west)deutsch-bildungsbürgerlichen Unvermögens, frei von der Leber weg nordamerikanisch small zu talken…

Da sie im Anschluss an jede Frage nach der gerade gültigen Uhrzeit das beginnende Herunterzählen der letzten sechzig Sekunden vor dem Verschwinden (zunächst) seiner Zunge in den Tiefen ihrer Mundhöhle und das Aufflammen einer Körpervereinigungsdebatte vermuten muss, wird sie wie beschrieben reagieren. Aber sie vermutet fehl. Er will seine Gene gar nicht mit den ihren vermischen, er will vermutlich noch nicht einmal ihre Schenkel oder Brüste betasten oder nur zum Vergnügen in die dafür vorgesehen Körperöffnungen hineingleiten. Er will die bevorstehenden viereinhalb Stunden Köln-Berlin irgendwie über die Runden bringen. Dass es viereinhalb Stunden sind, liegt zugegebenermaßen an Mehdorn; dass er es irgendwie anstellt, liegt auch ein wenig an ihr…

P.S.: Pe ist hier freilich die Ausnahme; angesichts ihrer muss jedes Bahngeplänkel einen stringent präkopulativen Charakter annehmen.
P.P.S.: Wieso muss ich jetzt so dringend an das Schwarze Schaf denken?

viktorhaase hat gesagt…

bürgerfunk ist definitiv eine keimzelle des schwachsinns. so wie blogs. ihren ausgenommen, versteht sich.

Pe hat gesagt…

Viktor, du darfst mich gerne weiterhin duzen.

Setza, ich vermute eine Unverschämtheit. Nachweisen kann ich das freilich erst, nachdem ich mir ein paar von Rogers Gehirnzellen ausgeliehen habe.

Setza hat gesagt…

A) Er fühlt sich gebauchmiezelt, weil es eine große Ehre ist, ihr Vermutungsobjekt zu sein.
B) Sie sollte mit dem Roger ein paar Stunden Zug fahren... Am allerbesten Schlafwagen.
C) Sie kann seine Hingabe durchaus auch daran messen, dass er soeben die bescheuerte Zeichenkette xfhyrjh ohne Murren hierhin tippte, nur um ihr das kund zu tun.

Pe hat gesagt…

Mit einem Blogger-Konto wäre freilich einiges einfacher und man könnte sich seine Hingabe für angemessenere Situationen aufsparen.

Setza hat gesagt…

Er weiß sein eben doch nur temporär leidlich aufblitzendes Hingebungspotenzial durchaus realistisch einzuschätzen... Nee, nee, bloogen sollen mal wirklich jene, die es auch können... [jtomaze]

Zeigefinger hat gesagt…

Weswegen ich nie mehr Bahn fahre. Ich durfte mir mal von Chemmnitz nach Ulm die Lebensgeschichte eines ehemaligen Hafenarbeiters anhören. Es gab kein Entkommen..

creezy hat gesagt…

*lol* wie einfach doch alles sein kann … ;-)