14.06.07

Der Einbeinige

Der Einbeinige wohnt ein Haus weiter, da sind die Wohnungen kleiner und die Mieten billiger. Wie er sein anderes Bein verloren hat, weiß ich nicht. Überhaupt, ein blöder Ausdruck: das Bein verlieren. Als könnte man es liegenlassen wie einen Regenschirm. Oder als könnte es hinter den Schrank fallen wie die Rechnung neulich, und wenn man es Tage später bemerkt, müsste man laut fluchend den Arm in den Wand-Schrank-Zwischenraum zwängen und mit einem Bügel danach angeln.

Genau um halb neun morgens kommt der Einbeinige rüber, außer wenn es regnet. Den überflüssigen Teil seines Hosenbeins hat er sorgfältig an der Hüfte festgesteckt, damit die Bügelfalte nicht leidet. Nur weil er mit dem Hausmeister an den Aschentonnen rumhängt, muss er ja nicht gleich abgerissen aussehen. Haltung bewahren, auch wenn's schwer fällt.

Wenn ich von der Arbeit komme, ist er immer noch da und kontrolliert, ob die Wölbung in meiner Einkaufstasche vielleicht von einer Flasche Schnaps stammt. Oder ob sich wenigstens ein Tetrapack Sangria durch den Stoff bohrt. Meistens schleppe ich aber nur Cola und Saft an. Kauf dir mal was Richtiges!, knötert er. Nächstes Mal, verspreche ich jedesmal. Dann nickt er, und ich darf weitergehen.

Ganz genau eine Stunde, bevor die anderen die Nachtschicht an der Aschentonne eröffnen, geht der Einbeinige nach Hause. Der Rhythmus ist das Einzige, was ihn noch zusammenhält, sonst würde er aufplatzen wie ein altes Kissen, und Gott weiß was dann passieren würde.

Kommentare:

Setza hat gesagt…

Er liest ängstlich gespannt, in welches Grauen sie uns da führt.

Aber es ist auch jetzt schon kaum auszuhalten zu erahnen, welche Monstren ihr täglich auf den Bürokorridoren entgegenstolpern...

Oh weh.

Pe hat gesagt…

Gemach. Erst mal bleiben wir in der Nachbarschaft.

Setza hat gesagt…

Sie hat einen Plan. Offenkundig.

Und er ist nicht sicher, ob das die Sache besser macht.

Pe hat gesagt…

Ich bin nur die Chronistin. Für die Sache kann ich nichts.

Setza hat gesagt…

Die Frage ist: Was ist die Sache?

Pe hat gesagt…

Sinnfragen werden erst am Ende beantwortet. Wenn überhaupt.

Setza hat gesagt…

Oooch.
Er hat da Geduld.

Anonym hat gesagt…

Verdriesslichkeiten.
Es gibt keine mehr, wenn man genau solche feinziselierten, hintergrundsschwangeren Worte nicht mehr braucht.

Es sei denn: man ist Pe.
Dann ist es Stil.
Wundervoll.

Setza hat gesagt…

An alle Familienmitglieder:
Lobeshymnen, so angemessen, berechtigt und wohlgelitten sie sein mögen, gehören an den Kaffeetisch.

Ja!

Schwarzes Schaf hat gesagt…

Du willst ja nur keine anderen Götter neben Dir haben.

Lobeshymnen sind hier richtig.

Zeigefinger hat gesagt…

Ich hätte ein bißchen Bammel. Der Einbeinige hat sein Revier markiert und ihm gehört der Gehweg. Klingt irgendwie beklemmend. Erinnert mich an "Delicatessen" oder "Brazil", wobei ich Dein Haus nicht kenne.

Setza hat gesagt…

Geliebtes Schaf.
Das sagst Du, weil Du weißt, dass ich Dir nicht zu widersprechen wage.

Niemals.