15.06.07

Der Horst

Der Horst hat ein Café zwei Straßen weiter und ist seit Ewigkeiten gleichalt, nämlich Mitte sechzig. Das Café ist ungefähr so alt wie ich. (Mehr sage ich dazu nicht.) Der Horst war Programmierer, bevor er das Café aufgemacht hat, und ein bisschen auch noch währenddessen.

Auf der Karte hat der Horst einen Haufen aromatisierter Tees, Limo, Kaffee, ein bisschen Eis und ein paar Salate. Neben den Tischen und in den Regalen liegen Gesellschaftsspiele, Backgammon, Vier Gewinnt und so Zeug. Die Tische und Stühle sind hellblau lackiert, in genau dem Farbton, den ich in meinem Jugendzimmer immer haben wollte. Die Sitzauflagen sind mintgrün, vanillegelb und altrosa, die Häkeldecken sind weiß oder ehemals weiß. Zwei Handbreit über den Köpfen der Cafébesucher kriecht ein Brett die Wand entlang, darauf stehen: Porzellankatzen, Keramikkatzen, Plastikkatzen, Katzenteekannen, Katzeneierwärmer, gestreifte Katzen, gescheckte Katzen, große Katzen, kleine Katzen, sogar mittlere Katzen. Es herrscht ein derartiges Gedränge, dass manche Katzen ineinander verhakt sind, andere liegen, stehen und sitzen übereinander, bequem ist das nicht, schon gar nicht für den Betrachter. Auf den Stühlen stapeln sich quittegelbe Zeitungen. Die Katzen teilen sich ihr Hochbett mit den Oster- und Weihnachtsdekorationen der vergangenen Jahre.

Der Horst schmeißt nichts weg. Weil ihm alles so schnell ans Herz wächst. Weil er sonst keine Erinnerungen hätte. Genau weiß er es eigentlich selbst nicht, vielleicht ist er auch nur faul. Weil die Gäste keinen Platz haben, kommen sie nicht mehr. Weil die Gäste ausbleiben, hat der Horst mehr Platz für seine Dinge. Nur die Nachbarn schauen hin und wieder auf ein Bier vorbei, mehr um nach dem Rechten zu sehen als um etwas zu trinken.

"Fortran", sagt der Horst, "früher habe ich in Fortran programmiert. Das war noch echte Kunst, dafür musste man noch richtig was können. Hin und wieder mache ich das heute noch, für den Hausgebrauch." Nach der Welle Unrat zu urteilen, die vom Monitor auf die Tastatur des 386er brandet, muss das schon eine Weile her sein. Der Horst seufzt und wendet sich wieder der FAZ von 1993 zu.

Kommentare:

Setza hat gesagt…

[Mir ist, als hätte ich soetwas schon abgeschickt..]

Ja.
Es muss grauenvoll, womöglich gar beängstigend sein, zu begreifen, dass die Zeitmaschine, mit der man dahin gelangte, nicht mehr zu reparieren ist. Ganz gleich, wieviele Dinge man noch zusammenträgt, sie sind einfach alle zu neu ...

creezy hat gesagt…

Das ist ein schöner Artikel, wenn man weiß, dass Fortran irgendwas in der Dimension Fortran 90 heißt … ;-)

Setza hat gesagt…

Ich finde diesen wundervollen Text ja sträflich unterkommentiert.

Schämen Sie sich was, Sie Leserschaft, Sie.

Und vom Schaf, ja vom dem bin ich besonders enttäuscht deswegen.

Pe hat gesagt…

Unter zehn (in Worten: zehn) Kommentaren mache ich mich gar nicht erst an neue Berichte aus der Nachbarschaft.

Thomas hat gesagt…

Es gibt ihn also noch. Beruhigend. Ich will mal wieder hin.