19.06.07

Der Nebenan

Der Nebenan wohnt schon lange hier. Wie lange genau weiß niemand, vielleicht war er als erster da.

Der Nebenan hat asphaltfarbene Haare und seine Augen sehen aus wie benutztes Spülwasser. Das Gesicht ist von keiner Gestalt. Die Nachbarn wissen nicht, wie der Nebenan aussieht. Sie vergessen es, sobald er sich umgedreht hat. Weil sie den Nebenan nicht erkennen, wenn er ihnen auf der Straße begegnet, hält er sie für ziemlich unhöflich.

Der Nebenan hat seine Tasche immer dabei, die ist aus hochwertigem Kunstleder und passt zu seinen Haaren. Manchmal begegnet ihm unterwegs etwas, das kann er in die Tasche stecken und mitnehmen. Neulich hat er im Park einen besonders schönen Stein gefunden, der war fast schwarz, ganz glatt und mit weißen Adern. Der lag einfach so rum, der Stein, er konnte es kaum glauben.

Das ist der Trick, wie ich den Nebenan erkenne: Ich habe mir seine Tasche gemerkt. Er trägt sie quer über der Schulter, etwas nach hinten geschoben, die Hände in den Hosentaschen vergraben, die Schultern ein wenig hochgezogen. Wenn ich die Tasche und die Hände und die Schultern sehe, grüße ich.

Manchmal finde ich kleine Geschenke vor meiner Wohnungstür. Einmal war eine pornographische Postkarte im Briefkasten. Vor ein paar Wochen der erste Wortwechsel mit dem Nebenan, seit ich eingezogen bin. An der Stimme kann ich ihn jetzt auch erkennen.

Kommentare:

Setza hat gesagt…

Aber.
Er muss Dir doch was von dem Stein erzählt haben ...?!

Pe hat gesagt…

Nicht zwingend.

Bellow hat gesagt…

Alles geht sehr mählich.
Mag uns scheinen.

Oles wirre Welt hat gesagt…

Es ist der Blick auf die Details, die das Besondere festzuhalten erlauben. Traumhafter Text.

burnster hat gesagt…

Will man denn dem Nebenan einen Namen und ein Gesicht geben, oder ist es gerade die Gesichts- und Namenlosigkeit, die ihn so attraktiv macht. Das Ominöse, nennt man es, oder?

Ich glaube, das war jetzt eine rhetorische Frage;)

Pe hat gesagt…

Attraktiv wäre mir jetzt in dem Zusammenhang nicht eingefallen.

Vielleicht ist es ja auch andersrum: Dass ihn nämlich mein Desinteresse so gesichtslos macht. Und schon sind bei der Erkenntnis angelangt, dass ein Text sehr viel mehr über den Verfasser aussagt als über die Realität.

Setza hat gesagt…

Ganz genau.
Man kann es durchaus auf die Spitze treiben und davon ausgehen, dass Texte quasi überhaupt gar nichts über die Realität sagen.

Pe hat gesagt…

Ganz oben auf der Spitze gibt es keine Realität.

Setza hat gesagt…

Fein beobachtet.
Er denkt gerade an eine Filmszene - irgendwas mit Ablass, Inquisition, Luther und natürlich Tetzl - über eine Disputation darüber, wieviele Engel auf einer Nadelspitze Platz finden...

Engel.
Nicht Teufel.

Pe hat gesagt…

Alle natürlich. (War das der, wo Allanis Morissette Gott gespielt hat?)

Setza hat gesagt…

Dogma.
Das Wort, nach dem sie sucht, ist Dogma.

Nein nein, Dogma war es nicht. Es war so ein guter Spielfilm des DDR-Fernsehens aus den Zeiten, in denen es noch fünf Programme gab und in keinem einzigen Slipeinlagen- oder Kürbiskernreklame dazwischen...

MARIASPILUTTINI hat gesagt…

meine nebenan wohnt schon lange hier.
ich war vor ihr da.
ich habe beobachtet, wie die wohnungen renoviert wurden.
eine weile stand ihre wohnung leer, und es war nicht klar, wann wer kommen würde.

meine nebenan kenne ich nur mit hennaroten haaren und abgewandtem kopf.
meist sitzt sie am abend am balkon und hat ein weißes handtuch um ihren kopf.
manchmal hat sie sich die haare mit eigentümlichen spangen zu kleinen knötchen zusammengesteckt.
sollten sie so schneller trocknen?

meine nebenan hat grosse grüne augen.
einmal habe ich ein foto von ihr gefunden,
es lag auf der balkonbrüstung.
ich wollte nicht, dass es der wind verweht.
darauf sah man nur ihre augen,
es waren augenschlitze ins papier geschnitten.
man sah durch schlitze ihre wirklichen augen.
ihre iris war dunkelgrün, die pupille erstaunlich gross.
einen augenblick glaubte ich, sie würde mich anschauen.
sie hielt sich dieses blatt vors gesicht.
es war eine seite aus einer modezeitschrift.
es zeigte das gesicht einer jungen frau mit breiten dunkelrot geschminkten lippen.
vielleicht waren die lippen auch geöffnet, und man sah ihre zähne.
unter dem kinn stand in roter schrift: SEX.
das foto hat sich sehr eingeprägt.
man muss eine weile schauen, bis man dahinterkommt, dass in diesen augenschlitzen lebendige augen zu sehen sind.

über die anderen nachbarn weiss ich wenig.
ich wohne im 6. stock, gehe aber immer zu fuss hinauf und hinunter.
so begegne ich wochenlang niemandem im haus.
nur vor dem haus, auf dem weg zur bushaltestelle, gehen oft männer und frauen, bei denen ich mich immer frage, ob sie bewohner meines hauses sein könnten.
insgesamt hat es 16. stockwerke.
manche von ihnen sehe ich hinein- und herausgehen.
beim eingang begegne ich meist niemandem.
oder unsere wege teilen sich sofort vor der lifttür.

meine nebenan habe ich schon mit verschiedenen taschen gesehen.
keine davon würde ich haben wollen.
manchmal trägt sie auch zwei volle billasäcke.
ab und zu lässt sie die billasäcke eine weile vor der tür stehen und holt sie erst später hinein.
ich frage mich, was sie in der zwischenzeit tut.
ich lasse die tür einen spalt offen, um zu sehen, wie sie die säcke wegnimmt.
aber ich habe sie noch nie dabei ertappt.
plötzlich sind die weg.

meine nebenan scheint steine von verschiedenen weltgegenden zu sammeln.
auf dem balkon liegen mindestens zehn.
einige könnten vulkanischen ursprungs zu sein.
ein grauweißer länglicher stein schaut wie ein knorriger ast aus.
zwei steine sind schwarz und fast völlig rund.
ein grosser flacher weißlichgrüner ist ein speckstein.
unter dem fenster zum balkon steht ein brauner koffer.
manchmal denke ich, dass er voller steine ist.
ich habe zwar öfter stimmen an der tür der nebenan gehört.
wenn ich dann zu meiner tür ging, um durch den türspion hinauszuschauen, waren die besucher schon in die wohnung gegangen.
noch nie habe ich ausser ihren billasäcken etwas vor ihrer wohnungstür liegen sehen.

meine nebenan hat noch nie etwas vor meiner tür hinterlassen.
ich fand auch keine nachricht von ihr vor.
jetzt habe ich mir vorgenommen, ein kuvert mit diesem text an ihre türe zu kleben.

würden sie das auch tun?
wie wird sie ihrer meinung nach reagieren?

MARIASPILUTTINI

Setza hat gesagt…

Das erste, was mit einfiel, waren die Namen James Spader und Andie Mac Dowell… hm.

Aber.
Zu der Frage.

Es ist immer zu begrüßen, wenn ein Kontakt endlich hergestellt wird, der eh besteht, nur halt noch nicht an der Oberfläche wirkt. Texte an die Tür legen und mal sehen, was passiert, ist so etwas von der Art der Offizialisierung eines stillen Kontaktes.

Das wüde auch jeder Psychologe sagen, dem etwas an der Gesundung des Patienten liegt…