12.06.07

Die Meerschweinchenfrau

Zwei Türen weiter wohnt die Meerschweinchenfrau. Als ich eingezogen bin, hat sie mir jeden Morgen ihr Meerschweinchen unter die Nase gehalten, dann musste ich heulen, das war wohl das Ammoniak. Schaunse ma, hat sie immer gesagt, das is meine Dora. Könnse ruhig ma anfassn. Dora war da anderer Ansicht und hat gequiekt, dass ich gleich mit Angst bekam. Irgendwann war es wohl zuviel, und jetzt lehnt die Meerschweinchenfrau immer alleine an der Brüstung des Laubengangs und starrt auf das Kopfsteinpflaster vor dem Haus. Meistens raucht sie.

Im Sommer lässt sie die Wohnungstür den ganzen Tag offen stehen, als erwarte sie jeden Moment einen Besucher, vielleicht sogar einen Liebhaber, und sei nur noch kurz ins Bad, um ihre Frisur zu richten. Vor der Tür steht eine Wand aus ausgiebig getragener Garderobe, Dope und ein bisschen Verwesung.

Die Meerschweinchenfrau hat mal in einer Fabrik gearbeitet, inzwischen ist sie in Frührente, erzählt sie mir, und ihr Blick findet an mir keinen Halt. Jetzt steht sie nur noch wegen der Medikamente so zeitig auf, dass sie mir morgens einen guten Tag und frohes Schaffen wünschen kann. Nach den Medikamenten geht sie Getränke einkaufen. Die Beine sind schwer, scheiß Nebenwirkungen, ein paar Nachbarn überholen sie auf der Treppe, hechten an ihr vorbei. Guten Tag, wie geht's?, ruft sie ihnen nach. Sie möchte sich doch nur ein bisschen unterhalten. Dora ist ja nicht mehr da.

Kommentare:

Setza hat gesagt…

Er wusste gar nicht, dass sie so berückend traurig sein kann.

Nein, das wusste er nicht.

Zeigefinger hat gesagt…

Die wunderbare Beobachtung einer beklemmenden und fragilen Sphäre.

Barleyblair hat gesagt…

Also mich deprimiert das doch sehr ... kann man der Frau denn verflixt nochmal kein neues Schwein schenken???