06.09.07

Familienbotschaften

Obwohl meine Eltern allem Gedruckten skeptisch gegenüberstehen, war das Schreiben in den ersten beiden Ehedekaden für sie sehr wichtig. Damals arbeitete die gestrenge Frau Mama als Sekretärin, der nicht minder gestrenge Herr Papa in einer Fabrik und in Wechselschicht. Wenn er Mittagsschicht hatte, sahen die beiden einander nur am Wochenende. Damals, das waren die frühen Achtziger, Mail und Handy würden erst ein bis zwei Jahrzehnte später ihren Durchbruch haben, und während der Mittagsschicht hielten meine Eltern mit Zetteln Kontakt. Das fand ich, bei der der Durchbruch von Sensibilität und Toleranz ebenfalls noch bevorstand, wie wir damals sagten: oberpeinlich.

Ich begegnete ihren Zetteln immer, wenn einer von ihnen verschlafen hatte und ich morgens als Erste in der Küche war. Ich las ihre Botschaften mit einer fast masochistischen Zwanghaftigkeit, noch bevor ich mir an der Kaffeemaschine zu schaffen machte. Das Schlimmste waren die Kosenamen, die sie einander gaben. Er nannte sie Ninchen als Kurzform für Kaninchen, und sie malte unter ihre Nachrichten immer die Rückansicht eines Kaninchens. Was das Tier aber mit ihr zu tun haben sollte, wollte ich mir lieber nicht vorstellen. Als ich meine Eltern doch einmal danach fragte, behaupteten sie, es sei wegen ihrer Zähne. Kaninchenzähne. Die kannte ich von M., der in meine Klasse ging. Die Vorderzähne der gestrengen Frau Mama waren makellos.

Die Botschaften, die die Gestrenge mir hinterließ, waren weit karger. Manchmal malte sie mir ein S für Sau in den Staubflaum auf meinen Jugendzimmermöbeln. Das war zwar objektiv berechtigt, aber völlig nutzlos. Sie ging dazu über, das Wort Sau auszuschreiben, für den Fall, dass ich die Botschaft missverstanden hatte. Ich ignorierte das eine Weile, dann machte ich mich auf die Suche nach einer staubigen Oberfläche außerhalb meines Zimmers, und als ich eine gefunden hatte, antwortete ich ihr: SELBER!

Der Familienfrieden war nach einigen Jahren wiederhergestellt. Zurückbehalten habe ich einen Hang zu ehrrührigen Spitznamen, behaupten zumindest Bumsebärchen, Dropsi und Stöpselhund.

Kommentare:

Cary hat gesagt…

Schön dass Sie wieder zurück sind. Ich durfte mal wieder lauthals lachen. =)

Anonym hat gesagt…

Also entweder "ick mir an die Kaffeemaschine ..." oder "ich mich an der Kaffemaschine ..." Ansonsten entzückend, Pupsi.

Setza hat gesagt…

@ anonym
Ganz recht, über die Maßen entzückend.

@ Pe
Dropsi auch? Achwas?!
Na ja. Vermutlich hat der sich seinerzeit nicht lange oder nicht häufig genug an die morgendliche Kaffeemaschine zu schaffen gemacht, wa.

Soulkeeper hat gesagt…

MUHAHA! Die Zettelwirtschaft kenne ich auch noch. Fies war das! Es gab noch keine Ausreden, wie: Ich habe meine Mailbox noch nicht abgehört oder: Hab meine mails noch nicht gecheckt. Nein, nein! Da lagen unübersehbar Zettelchen auf dem Küchentisch: "Flur wischen", "Zimmer aufräumen", "Einkaufen gehen - Einkaufszettel s.u.".

Jaja, ganz harte Zeiten waren das in den 80ern. :)

creezy hat gesagt…

Sehr gerne würde ich die Geschichte lesen, wie Stöpselhund zu seinem Stöpfselhundkosenamen kam. ;-)

Ich werde der Freundin, die ab morgen die Wohnung und Fellträger während meiner Abwesenheit auch einen lustigen Brief schreiben: per PC und Drucker versteht sich. Vielleicht mal ich noch eine Blume an den Rand.

burnstibär hat gesagt…

Mein Vater fand es lustig, mich als Kind Schwulibär zu nennen. Bitte interpretieren Sie jetzt selbst.

Setza hat gesagt…

Schäfchen.
Die Zeit ist reif für Deinen Hinweis ...

Soulkeeper hat gesagt…

Ach, jetzt lässt sie uns aber wieder zappeln! :-/

Soulkeeper hat gesagt…

Ich wünsche Dir auf diesem Wege frohe Weihnachten und einen guten Rutsch. Hoffe, Du gibst nächstes Jahr wieder etwas Gas in Deinem Blog! :-)

Nils aka Soulkeeper

undundund hat gesagt…

Ja, was ist denn.