11.06.08

Endspiel IV

Ich hing schon seit einer halben Stunde in einer öden Partie mit Heiner fest, als Kalle sich zu Wolf ans Brett setzte.

"Bist du gerade frei? Spielen wir eine Runde?" Ohne eine Antwort abzuwarten, langte Kalle in seine Hose, beförderte ein toastergroßes Mobiltelefon heraus und legte es auf den Tisch.
"Sag mal, du hast ja wohl den Arsch auf", keifte Wolf. Er hatte die letzte Partie haushoch verloren.
"Wieso?"
"Hier son Scheißding auf den Tisch zu knallen."
"Wieso, das ist ein ganz normales Handy."
"Ja, 1987 vielleicht. Nimm das weg."
"Du spinnst ja."
"Nimm das weg oder such dir einen anderen Tisch. Ich habe ja nicht mal mehr Platz, um ein Bier abzustellen."
"Du hast doch gar kein Bier."
"Jetzt nicht. Gleich aber", giftete Wolf. Und in Richtung Tresen: "Klaus! Mach mir mal ein Bier!"
"Ist ja gut." Kalle friemelte das Handy umständlich in die Hose zurück.
"Nichts ist gut. Ich sitze hier und denke an nichts Böses, und du und dein Scheißding, ihr benehmt euch, als würde der Tisch euch gehören."
"Arschloch."

Klaus presste sich und ein Tablett mit Getränken an der Kunstlederfalttür vorbei in den Clubraum.

"Na Wolf, heute kein Glück im Spiel?" Obwohl Klaus durch zehn Meter und eine Kunstlederzieharmonika vom Clubraum getrennt war, schien er immer zu wissen, was vor sich ging.
"Jetzt fang du nicht auch noch an."
"Stänker nicht rum, trink erst mal nen Schluck. Geht aufs Haus."
Wolf leerte das Bier in einem Zug und hielt Klaus das leere Glas hin. "Hier, nimm wieder mit. Und bring mir noch eins."

Klaus trottete kommentarlos zurück zur Zapfanlage. Er hatte sich in den fünfzehn Jahren, seit er die Kneipe betrieb, und ganz speziell in den vier Jahren, seit er Wolf kannte, ein viehisches Gemüt zugelegt.

"Was ist, hast du dich jetzt beruhigt? Können wir anfangen?" Kalle hatte in der Zwischenzeit die Figuren aufgebaut.
"Ich beruhige mich, wenn ich das will, verdammte Scheiße!"

Kalles Blick flackerte durch den Raum. Heiner und ich hatten unsere Partie längst vergessen. Die anderen auch. Keiner sagte ein Wort. Wolf schob den Ärmel hoch und kratzte sich am Handgelenk. Hautschuppen stoben. Das war kein gutes Zeichen.

Mitten in die Stille hinein bimmelte es. Aus Kalles Schritt. Der Raum füllte sich mit Ravels Bolero im Midi-Sound. Kalle pulte sein Handy aus der Hose. Wolfs Handgelenk blutete. Er zischte Verwünschungen. In dem Moment, in dem ich ganz sicher war, dass Wolf dem Kalle gleich eine reinhauen würde, das Handy quäkte die zweite unerbittliche Strophe des Bolero, nahm Wolf sich zwei von Kalles Bauern und steckte sie sich in die Ohren.

"Viel besser", brummte Wolf.
"Ey, was soll das denn?!" Kalle vergaß vor Erstaunen, das Gespräch anzunehmen. "Du spinnst wohl! Wie soll ich denn jetzt noch spielen?!"
"Ich kann dir die Bauern gerne wiedergeben, wenn das Scheißding mich nicht mehr belästigt."

Kalle legte sein Gesicht in Ekelfalten, und Wolf spielte sich feixend und mit zwei Bauern in den Ohren zum leisesten Sieg des Abends.

Kommentare:

RX hat gesagt…

Welch erlesenes Vergnügen...

Soulkeeper hat gesagt…

Schön! Ich will mehr davon. Mehr, mehr, mehr! :-))

Zeigefinger hat gesagt…

Schach ist nicht meine Welt. Die schönen Alltagsbeobachtungen vorher fand ich besser. Aber laß Dich nicht unterbrechen..

Pe hat gesagt…

Schnickschnack. Um Schach geht's doch gar nicht. Es geht um die Jungs. Um die Jungs geht es!