16.09.08

Mein rotes Waffeleisen

Im Dielenschrank, auf dem dritten Regalbrett von oben, steht mein rotes Waffeleisen. Es ist 26 Jahre alt und funktioniert höchstwahrscheinlich gar nicht mehr. Wer es wagt, die heilige Ruhe des roten Waffeleisens zu stören, wird es übel büßen, denn das Kabel liegt teilweise blank. Schön ist das rote Waffeleisen schon lange nicht mehr. Manchmal überlege ich, ob ich es nicht endlich wegwerfen soll. Aber ich bringe es nicht übers Herz.

Vor ungefähr fünf Jahren bekam ich das rote Waffeleisen von der gestrengen Frau Mama geschenkt. Falls mich am frühen Sonntagnachmittag mal das Verlangen überkäme, Waffeln zu backen. Für meinen Freund, meinen Verlobten oder besser noch: für meinen Ehemann. Ich lebe alleine und schlafe sonntags immer bis zum frühen Nachmittag. Und dann lese ich. Und dann gehe ich zu Herrn Saloniki, damit der mir was zu essen macht. Ehrlich gesagt habe ich das rote Waffeleisen noch nie benutzt. Nicht für mich, nicht für den Verlobten und auch nicht für den Ehemann.

Durch das rote Waffeleisen hat die gestrenge Frau Mama die Liebe auf den ersten Blick kennen gelernt. Wir hatten gerade die Scheidung hinter uns, waren in B. gestrandet, hatten kein Geld und keine Aussicht auf Besserung. Ich war zehn Jahre alt und unleidlich, weil ich nun weder einen Vater noch schöne Dinge hatte, im Grunde hatte ich außer der gestrengen Frau Mama gar nichts, und die gestrenge Frau Mama war der einzige Mensch, den ich außer mir selbst für die Misere verantwortlich machen konnte.

Freunde hatten wir keine, aber ein rotes Waffeleisen. Weiß der Himmel, wo das herkam. Und irgendwann standen Menschen vor unserer Tür, die ein Waffeleisen brauchten, weiß der Himmel, woher die davon wussten. Sie luden die gestrenge Frau Mama ein, mit ihnen zu essen. Die gestrenge Frau Mama trat in die fremde Wohnung, es war warm und duftete, und sie sah in die Küche, und dort stand der Mann, den sie sogleich liebte und noch bis heute liebt, den sie geheiratet hat, der mir das Schwimmen beibrachte, mit uns an den Fluss fuhr, die gestrenge Frau Mama vor Insekten beschützte, und mit dem sie bald Silberhochzeit feiert.

Ich bringe es wirklich nicht übers Herz, es wegzuwerfen.

Kommentare:

Setza hat gesagt…

Famos!
Er ist nun ein bisschen selbstgrüblerisch, weil er Korrelationen zur Frankfurter Buchmesse und den Vorbereitungen allerorten darauf vermutet...

Pe hat gesagt…

Ich werde dort keine Waffeln backen, falls du das meinst.

Setza hat gesagt…

Nein, das meinte er nicht. Selbstredend.
Obwohl... Aber nein, man käme in Verruf, wenn man außer mit Büchern auf seine Bücher aufmerksam machte.
Ich vermute, das ist verpönt...
Aber viel Spaß trotzdemschonmal...

Pe hat gesagt…

"Duhu?"
"Hmja?"
"Macht es dir was aus, mir offen zu sagen, was du eigentlich meinst?"
"Aber nein, meine Liebe."
"Na, dann schieß mal los."

Setza hat gesagt…

»...nun ja...«
»...ja???«
»...nun warte doch mal...!«
»...klar«
»...ich sah kurz einen zusammenhang aufblitzen zwischen dem kalender für die buchmesse und der veröffentlichung des famosen waffeleisentextes«
»...ach soooo. Na ja, ich hätte es wissen müssen...«

Pe hat gesagt…

Stimmt.

Pe hat gesagt…

Und der Zusammenhang besteht auch, wenn man es genau nimmt. Also, eigentlich nicht mit dem Kalender, sondern mit der Mail, die ich daraufhin verfasste, und die erst lang war und dann nicht mehr.

Und wie das mit dem kosmischen Gleichgewicht nun mal so ist. Buchstaben, die auf der einen Seite gekürzt werden, fließen anderen Dokumenten zu. Halbfertigen Blogbeiträgen zum Beispiel. Und wer bin ich, mich gegen das kosmische Gleichgewicht zu stellen?

Setza hat gesagt…

»Das ist das gesetzt von der unverletzlichkeit der menge aller buchstaben. Hmh. Ja, dieses große im denken mag ich ja sehr an deinem schreiben.«
»…du machst dich lustig?!«
»Nicht doch. Aber du stellst mir ja solche bedeutungsfragen eh nur, damit ich selbstbezichtigunsantworten geben muss.«
»…ja?«
»Ja. Genau deshalb.«
»Hm… Und du tippst das doch nur, damit ich neidisch wg. der französischen an- uund abführungen werde.«
»Und? Wirst du?«
»Nö.«
»Duhu?«
»Yapp?!«
»Nun zeig doch schon dein Waffeleisen...«

Pe hat gesagt…

Ich fürchte, es ist zu schüchtern. Touristin halt.

Soulkeeper hat gesagt…

Ach komm. Waffeleisen laden, Waffeln backen, Setza einladen, Buch veröffentlichen... ;-)

Schön, dass Du textlich noch lebst. :-)

LG, Nils

Setza hat gesagt…

...na der Nils ist ja ein ganz wilder Bursche.

Pe hat gesagt…

Der hat einfach das mit dem blankliegenden Kabel überlesen. Hoffe ich jedenfalls. Andererseits. Nein, da mag ich gar nicht dran denken.