26.09.08

Erdbeer-Sahne

In den 80ern trank alle Welt Asti Spumante, als wäre das Leben nicht schon deprimierend genug. Als ich 14 Jahre alt war, erlaubte mir die gestrenge Frau Mama den Asti und das Rauchen und das Schminken und das Ausgehen. Damit hatte sie Ausschweifungen theoretisch Tür und Tor geöffnet. Die gestrenge Frau Mama kannte mich gut genug um zu wissen, dass der Asti und das Rauchen und das Ausgehen schlagartig uninteressant für mich wurden. Eine klassische Teenagerrebellion würde unter diesen Umständen nicht funktionieren, merkte ich. Mein Erfindergeist war gefragt.

Als erstes legte ich mir eine chronische Bronchitis zu. Das brachte mich abgrenzungstechnisch zwar nicht weiter, machte aber der Familie, alles Kettenraucher, wenigstens ein schlechtes Gewissen. Nicht, dass sie deswegen weniger rauchten. Sie sahen nur zerknirschter dabei aus. Ich konnte sehr beeindruckend und ausdauernd husten, es war aber sehr anstrengend. Irgendwann kamen mir immer die Tränen, und die malten Streifen in die Rougebalken auf meinen Wangen. Das fand ich auf die Dauer blöd, und ich suchte mir etwas anderes.

Ich wurde friedensbewegt. Gerade so sehr, dass es für andere nervig war, ohne mich selbst allzu sehr anzustrengen. Ich schrieb Gedichte, hörte Tears for Fears, ging gelegentlich auf Demos und bezeichnete mich in Gegenwart meines Großvaters als Europäerin. Der fing dann immer an, vom Schlitzauge, dem Ivan und dem Ami zu phantasieren und lieferte mir im Minutentakt Stichworte für altkluge Monologe.

In dieser Zeit begann ich, Tee zu sammeln. Obwohl ich ihn nicht mochte, kaufte ich Unmengen davon. Weil es irgendwie zu meiner friedlichen Grundhaltung dazugehörte, und weil ich das Teegeschirr und die Metalldosen mochte, in denen ich den Tee aufbewahrte. Ich behauptete, Kaffee mache aggressiv und sei Ausdruck einer im besten Falle gleichgültigen Haltung gegenüber den ausgebeuteten Kaffeebauern in der dritten Welt. Fair gehandelter Matetee war für überzeugte Friedensaktivisten. Zu denen gehörte ich nicht, aber das musste ja keiner wissen. Mit aromatisiertem Schwarztee brachte ich einen erfrischend volksnahen Zungenschlag in mein Leben.

Besuch war eine schöne Gelegenheit, wenigstens einen Teil des Tees zu verbrauchen, bevor er in der Dose zu Staub zerfiel. Während wir die überfällige Weltrettung besprachen, schenkte ich den Gästen großzügig nach. Ich selbst benetzte mir höchstens die Lippen. Einmal sagte die S. ihren Besuch kurzfristig ab, der Tee war schon aufgesetzt und das Stövchen angezündet. So eine blöde Kuh. Aus Bockigkeit, Lebensmüdigkeit oder reinem Übermut beschloss ich, auf der Stelle mit dem Teetrinken anzufangen. Konnte ja so schlimm nicht sein.

Die erste Tasse trank ich wie einen Hustensaft mit zugehaltener Nase. Die zweite schmeckte furchtbar. Die dritte war nicht besser. Nach der vierten Tasse begannen meine Augen, losgelöst von meinem Willen durchs Zimmer zu wandern. Während der fünften Tasse wurde die Welt schlierig. Nach der sechsten bekam ich meine erste Migräne. Ich verbrachte den Rest des Nachmittags in einem Kosmos aus Übelkeit und Schmerz.

Als in den 90ern Rougebalken endlich out waren, atmete ich auf und konzentrierte mich wieder ganz aufs Husten.

Kommentare:

Havelock hat gesagt…

Wie immer gefällt mir euer Werk ziemlich gut, oh hochwohlgeborene Pe, doch kroch eine Frage im Leseprozess klammheimlich in mein Bewusstsein:
Kann man von zu viel Tee trinken wirklich Kopfschmerzen bekommen, oder war das eine psychische Sache?

Pe hat gesagt…

Die Welt ist insgesamt eine psychische Sache.

c17h19no3 hat gesagt…

sehr schöner text!