"Omi, wann stirbst du?" Kurz nachdem sich die gestrenge Frau Mama vom Gatten getrennt hatte und wir nach B. zurückgekehrt waren, nahm sie einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma an. Sie verdiente eher schlecht als recht und war lange unterwegs, und deshalb ging ich nach der Schule zu meinen Großeltern.
Die Nachmittage dauerten ewig. Der gebirgshohe Wohnzimmerschrank barg Schätze aus der Erwachsenenwelt. Eine schmucklose Spieluhr, die ich immer wieder aufzog, um ihrem einzigen Lied zu lauschen. Ein Schweizer Taschenmesser, das ich nicht anfassen durfte, dessen magisch-roten Griff ich aber heimlich doch berührte. Schallplatten. Einen kaputten Fotoapparat. Ein altes Filofax, zu dem man damals noch Zeitplaner sagte.
Hin und wieder ließ mich meine Großmutter in das Allerheiligste schauen: ihr Schmuckkästchen. Es beherbergte goldene Geschmeide, Gemmen, Perlen und riesige Klunker, mindestens eines Königs würdig. Mir blieb jedes Mal der Mund offen stehen. "Das erbst du alles, wenn ich mal tot bin", sagte meine Großmutter. Das war ein Fehler. "Omi, wann stirbst du?", fragte ich sie daraufhin wieder und wieder. Während des Essens, als ich am nächsten Tag von der Schule kam, während unseres Spaziergangs, nach unserem Spaziergang, wochenlang, monatelang. Meine Großmutter lächelte und schwieg, wohl wissend, dass mir wie allen Kindern Zeit und Endlichkeit noch nichts bedeuteten. "Omi, wann stirbst du denn nun?"
Meine Großmutter starb in meinem Lieblingsmonat, dem November. In der Kapelle haben wir geweint, und hinterher gab es Streußelkuchen.
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12 Kommentare:
Nachdem wir in der Kapelle geweint hatten, gabs anschließend Streuselkuchen. - Rührend
Schön, gefällt mir sehr gut.
Ich habe meine Großmutter ins Grab gequatscht.
Hast du die Klunker dann eigentlich bekommen, und wenn ja, hast du sie immernoch?
Im Rahmen der Erbfolge hat die gestrenge Frau Mama einige Stücke erhalten.
ooh, gar rührende geschichte!
auch rührend: das icon - ein relikt aus zeiten des zworums. gabs eigentlich noch mehr als unsere beiden?
äh! jetzt mit bild!
Bestürzend: Ich weiß gar nicht mehr, wofür ich meinen Zwarvatar erhalten habe. So fühlt es sich also an, wenn die Vergangenheit überhand nimmt.
na, soweit ich mich erinnere musste man bloss einen beantragen. und: hatte der montagsfisch nicht auch einen?
Gibt's den noch? Dann können wir den fragen.
hab ich den leo höchstpersönlich gefragt. der schrieb mir folgendes zurück: "hm, ja, eine mindestens noch: rachel hatte auch einen. aber von der habe ich ewig nichts gehört. und ich natürlich. aber ich glaube fast, das waren alle, die ich gezeichnet hatte. ach, zworum selig! lustig, über was ihr euch so gedanken macht."
Ich war schon lange nicht mehr im Zwarwald, fällt mir ein.
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