24.11.08

Der Glotzer

Eine Hand des Glotzers baumelt locker vor dem Gemächt, mit der anderen bewegt er die Maus. Spreizbeinig und rundrückig sitzt er an seinem Schreibtisch und meditiert in den Monitor hinein. Sein Wimpernschlag setzt dabei minutenlang aus.

Frauen. Überall Frauen. Im Büro nebenan, schräg gegenüber, überall auf dem Flur wimmelt es von Frauen. Junge, rosafleischige Nymphen. Manche sogar hübsch. Er stellt sie sich gerne nackt vor. Am liebsten, wenn er ebenfalls nackt ist. Sie würden auf ihm sitzen und durch das offene Fenster würde eine laue Frühlingsbrise wehen. Seine Hände würden nach ihren wippenden Brüsten greifen und ... Nein, er muss damit aufhören. Das führt ja zu nichts. Aber er ist halt auch nur ein Mensch. Ein Mensch mit großem Appetit auf Fleisch.

Er hat dieses Verhältnis. Sie ist vierzig, hat wechselnde Frisuren und einen Hintern wie eine Williamsbirne. Er mag sie nicht besonders. Sie ist ihm zugelaufen, und irgendwann hatte er keine Energie mehr, sie zurückzuweisen. Jetzt hat er dieses Verhältnis. Ihr Gesicht ist nicht besonders schön. Ihre Haut ist großporig, sie hat kein Kinn. Sie verwechselt Extravaganz mit Stil. Am schlimmsten sind ihre Augen. Unten von einem königsblauen Balken begrenzt, oben von tonnenschweren Lidern. Er schaudert, wenn sie ihn anschaut. Er schaudert sogar, wenn irgendwer ihn anschaut.

Es gab in letzter Zeit Beschwerden über ihn. Weil er den Frauen angeblich auf die Brüste gestarrt hat. Im Büro des Personalleiters hat er gesessen, der hat ihm einen Kaffee angeboten und sie haben eine Viertelstunde lang geredet, von Mann zu Mann. Wo soll er denn hinschauen? Auf ihren Scheitel vielleicht? Da fühlen sich die Weiber doch genauso wenig ernst genommen, da kann er doch gleich dorthin schauen, wo es ihm gefällt. Nach einer Viertelstunde war das peinliche Verhör zu Ende.

Jetzt sitzt er wieder an seinem Schreibtisch. Die Weiber flanieren an seinem Büro vorbei. Er riecht ihr Parfum. Junge, rosafleischige Nymphen, dass er nicht lacht. Verkniffene, prüde Vetteln sind das.

Kommentare:

Havelock hat gesagt…

Ich mag diesen Blog. Danke Frau Pe, für diese Minuten netten lesens. Nur die Frequenz lässt etwas zu wünschen übrig, finde ich. Qualität ist besser als Quantität, aber beides zusammen wäre echt toll.

Pe hat gesagt…

Du darfst mich Pe nennen. Wenn ich gesiezt werde, komme ich mir tantig vor.

Die Quantität, ja. Kennst du das, wenn höchste Kreativität mit lähmender Antriebslosigkeit einen unheiligen Bund eingeht? Nicht? Gratulation. Fang an zu schreiben.

Havelock hat gesagt…

Nein, Pe, ich kenne es, wenn sich das Verlangen etwas zu schreiben mit der Unfähigkeit dies zu tun kreuzt. Is noch viel schlimmer.

Pe hat gesagt…

"Warum ist immer dein Unglück das größte?"
"Weil es meins ist."

Soulkeeper hat gesagt…

Großartiger Text!